Der Sog der Stille

Berlinale 2018, Panorama Spezial: Der Regisseur Ramón Salazar beobachtet in seinem großartigen Film „La enfermedad del domingo“ eine Mutter und ihre Tochter, die einander nach dreißig Jahren näher kommen. Ein so schöner wie tragischer Genuss – und eine Offenbarung im Festivalprogramm.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Diesen Film kann, nein, darf man so schnell nicht vergessen. Der spanische Regisseur Ramón Salazar beweist mit „La enfermedad del domingo“ (internationaler Titel: „Sunday’s Illness“) ein beeindruckendes Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen und faszinierend schöne Bilder, dramaturgisch verflochten in ein ungewöhnliches und sensibles Familienverhältnis. Er und der Kameramann Ricardo De Gracia finden Bilder, die so herausragend sind, dass selbst die Plansequenzen nie lang genug erscheinen. In all der Stille, die Salazar kreiert, brodelt das Verlangen seiner Protagonistinnen nach Vergebung. Und die Forderung nach Verständnis für das, was war – aber vor allem für das, was sein wird.

Zwei alte, verwurzelte Bäume, ganz grau im fahlen Licht des trüben Tageslichts, sind das erste, was der Zuschauer sieht. Minutenlang hält die Kamera statisch darauf. Dann auf Anabel, eine wohlhabende ältere Dame mit Haaren so weiß wie Schnee, streng nach hinten frisiert, die Miene unbewegt. Gefühle zeigen, das macht allein ihr Äußeres klar, kann diese Frau nur schwer. Bei einem Empfang in ihrer Villa trifft sie auf die Tochter Chiara. Dreißig Jahre ist es her, als sich Anabel von ihr und dem Vater abgewandt hat. Umso bedrängter fühlt sich Anabel, als die ihr so fremde Tochter sie darum bittet, zehn Tage mit ihr zusammen zu verbringen. Chiara ist das Gegenteil von Anabel: provokant, affektiv, mittellos. Ihr rabenschwarzes Haar fällt ihr wild in die Stirn und umrahmt ihr blasses Gesicht. Anabels Teint ist rosig.

Völlig unterschiedlich sind die beiden auf den ersten Blick. Gleich jedoch darin, nicht glücklich zu sein. Chiaras mutterlose Jugend verfolgt sie bis in ihr Erwachsenenalter, der fehlende Bezug zu einer weiblichen Identifikationsfigur hat Spuren hinterlassen. Mit sich trägt Chiara ein schmerzliches Geheimnis, das sie und der Film bis zur letzten Minute für sich behalten. Selbst die scheinbare Makellosigkeit der Mutter ist eine Fassade. Hinter der vermeintlichen Perfektion steckt nur eine weitere belastete Seele.

Die beiden fahren in das abgelegene französische Dorf, in dem Chiara isoliert in einem großen Haus aus Holz lebt. Die Stimmung ist kühl und distanziert. Aber wie sollte es anders sein. Immer wieder fragt Anabel nach dem Grund für Chiaras plötzlichen Plan, die Zeit in einsamer Zweisamkeit mit ihr zu verbringen. Je mehr Tage jedoch vergehen und je näher das Ende ihres Aufenthalts rückt, desto stärker löst sich die Atmosphäre in etwas, was als vorsichtige emotionale Annäherung zwischen den beiden bezeichnet werden kann.

Jede Szene, jede Einstellung ist bis ins feinste Detail komponiert, das fragile Band zwischen Mutter und Tochter in herzzerreißender Manier visualisiert. Die kontrollierte Mutter, die ihrer erwachsenen Tochter behutsam den Dreck aus den Haaren wäscht, ist die erste Geste, in der Anabel mütterliche Nähe zeigt; eine Party in Burgkulisse, „99 Luftballons“ dröhnt aus den Boxen, Chiara betrinkt sich, knutscht mit einem fremden Franzosen, die Mutter drängt sich beschützend dazwischen. Sie hält ihr die Haare, während Chiara über der Kloschüssel hängt und sich den Alkohol aus dem Leib kotzt. Die Schnitte zwischen den Sequenzen simulieren den Schuss eines Fotoapparats, bannen das Gesehene zu Szenen in einem Fotoalbum. Ein Fotoalbum, das die verspätete Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter erzählt, so, wie sie unter normalen Umständen hätte aussehen können. Oder sollen.

Chiara steht mit dem Rücken zur Kamera in einer Totalen. Starr in feuchter Kühle vor der trüben Kulisse eines verlassenen Waldsees. Aus ihrer Regungslosigkeit weckt sie der Todeskampf einer verletzten Möwe am Ufer, deren Flügel schwach auf das Wasser schlagen. In der Mythologie ist die Möwe die Inkarnation eines ertrunkenen und im Wasser wieder auferstandenen Herrscherpaares. Salazar bedient sich hier einer Metapher, die zugleich subtiles Omen ist für das, was kommen und einen fassungslos zurücklassen wird.

Es ist der Film mit den wahrscheinlich schönsten Motiven und dem begnadetsten Schauspielerinnen-Duo dieser Berlinale: Die beiden Schauspielerinnen Bárbara Lennie und Susi Sánchez brillieren in ihren zerbrechlichen Rollen und entwickeln eine Dynamik, die sich auf der Leinwand zu einem gewaltigen Sog entfaltet und die Zuschauer in das tragische Beziehungsgeflecht zweier gescheiterter und scheiternder Menschen zieht. Und es ist der Film von einem Regisseur, dessen Namen man sich merken sollte. Salazar hat mit „La enfermedad del domingo“ ein sensibles Meisterwerk geschaffen, das seine ganze Kraft aus einer Stille zieht, die noch lauter ist als der Schrei eines Kindes nach seiner Mutter.

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