Berlinale-Kurzkritik: „La prière“

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Berlinale 2018, Filme im Wettbewerb: „La prière“ von Cédric Kahn mit Anthony Bajon, der mit dem Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet worden ist. Eine Kurzkritik

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

Wenige Synopsen lesen sich so trocken und unsexy wie die zu Cédric Kahns „La prière“: Im französischen Nirgendwo lebt eine Gruppe von männlichen ehemaligen Junkies, wo sie sich körperlicher Arbeit, aber vor allem dem Katholizismus widmen. Der 22-jährige Thomas (Anthony Bajon) sieht in der Gemeinschaft zuerst die einzige Hoffnung, seiner Drogensucht zu entsagen, hadert aber schnell mit der ihm auferlegten Abstinenz und den täglichen Gebeten, Gesängen und der ständigen Begleitung durch seine Glaubensbrüder. Zwar trifft er ein Mädchen aus der Nachbarschaft, die einen bedeutenden Platz in seinem Leben einzunehmen beginnt, aber viel mehr passiert über fast zwei Stunden nicht. Doch „La prière“ ist eine poetische Überraschung, die sich nur durch die Stille und Langsamkeit, die dem Thema inne wohnt, entfalten kann. In langen, statischen Einstellungen kostet der Film die Vaterunsers, Ave Marias und choralen Gesänge vollkommen aus. Der französische Sommer und Winter auf dem Land tauchen den Film in eine ganz eigene Stimmung. Und auch das Spiel von Anthony Bajon, das sich über den Film hinweg von Rage und Verzweiflung zu Sanftmut und Hinwendung wandelt, entwickelt einen Sog. So bereut man am Ende weder, „La prière“ ausgewählt, noch ihn durchgehalten zu haben.