Kunst trifft Leben

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Berlinale 2018: In Lav Diaz vierstündigem Wettbewerbs-Beitrag „Ang Panahon ng Halimaw / Season of the Devil“ besingen Dorfbewohner und ein Schriftsteller das Leid und die Opfer der philippinischen Militärdiktatur.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Zeit kann ziemlich relativ sein! Wenn man als Münchner die neue ICE-Strecke zur Berlinale fährt und im pünktlichen Fall viereinhalb Stunden braucht, dann ist man von der schnellen Zugverbindung begeistert. Wenn man sich als Festivalbesucher aber einen vierstündigen Film ansieht, dann klagt man über die Sitze, über Durst, Hunger und andere Unbequemlichkeiten. Im Vergleich zu Lav Diazs vorherigem Berlinale-Film „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“, der acht Stunden dauert, könnte man im diesjährigen Fall fast von einem Kurzfilm sprechen. Die Frage, ob es denn eine Pause gäbe, verneint die Frau am Einlass höflich. Okay, also nochmal kurz aufs Klo, und los geht’s!

Nach dem Berlinale-Vorspann taucht man in Diaz schwarz-weiße Bilderwelt mit seinen langen und statischen Einstellungen ein. Die Zeit dehnt sich, und als flexibler Zuschauer passt man sich dem Erzählrhythmus an. Eine weitere Besonderheit des vierstündigen Films ist, dass die Dialoge nicht gesprochen, sondern im Sprechgesang gesungen werden. Im Vorfeld sprachen alle von einer Rockoper, aber Musik kommt nicht vor. Man könnte den Film höchstens als ein langes Klagelied bezeichnen. Vorgetragen wird es von den philippinischen Dorfbewohnern, die unter dem Terror der Paramilitärs zur Zeit der Marcos-Diktatur leiden. Zuerst wirkt der Sprechgesang im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen befremdlich, wenn zum Beispiel die Folterer mit den Opfern ein gemeinsames Lied anstimmen, aber im Laufe des Films entwickelt sich ein sehr starker Ausdruck, der im Gegensatz zu der rohen und direkten Gewaltdarstellung steht.

Im Zentrum befindet sich ein junges liberales Paar: die Ärztin Lorena und der Schriftsteller Hugo Haniway. Sie eröffnet eine kleine Klinik auf dem Land, während er in der Stadtwohnung zurückbleibt. Als Lorena verschwindet, sucht Hugo im Dorf nach ihr und trifft auf die verstörten Opfer der Paramilitärs.

Hugo ist fassungslos über die Entwicklung in seinem Land. In dem Wort Fassungslosigkeit schwingt nicht nur Trauer, sondern auch Tatenlosigkeit mit. Er scheint passiv und gelähmt zu sein. Er bringt kaum noch Wörter auf Papier, obwohl die Bauern von ihm als intellektuellem Künstler klare Position fordern. Hier reflektiert ein Künstler (auch Lav Diaz selbst) über seine Rolle innerhalb der Gesellschaft. Ob der Film die Todesschwadronen des aktuellen philippinischen Präsidenten Duterte reflektiert und kritisiert, darüber kann man nur spekulieren. In jedem Fall werden die vier Stunden zu einem eindringlichen Erlebnis, an dessen Ende nur Pessimums zu finden ist. Zu spät startet Hugo eine Rebellion. Zu spät für die Bauern. Zu spät für seine Frau. Und zu spät für sich.