Vom Versuch zu lieben

Berlinale 2018, Perspektive Deutsches Kino: Susan Gordanshekan erzählt in „Die defekte Katze“ in intimen Bildern von der merkwürdigen Annäherung eines jungen Paares.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Das dem Film titelgebende Tier ist riesig, braungrau zerzaust mit Uhu-Ohren. Es ähnelt einem Labortier, an dem die Versuche nicht spurlos vorüber gegangen sind. Die giftig-grünen Augen stechen schielend aus dem schiefen Gesicht hervor. Die Beine sind lang und schlaksig, fast zu fragil, um den massigen Körper und den unförmigen langen Schwanz zu tragen.
Die defekte Katze, schon kein Genuss fürs Auge, weiß noch dazu nicht sich zu benehmen. Mina aber liebt sie. Sie lässt sie weniger einsam fühlen. Die Iranerin ist noch nicht lange in Deutschland. Mit dem iranisch-stämmigen Arzt Kian ist sie eine von beiden gewollte, arrangierte Ehe eingegangen. Er: diszipliniert, aber einsam. Sie: selbstbewusst und lebenshungrig. Sie geben sich alle Mühe, einander zu gefallen.
Obwohl bereits verheiratet, wissen sie kaum etwas voneinander. Nicht die romantische Liebe, sondern die wohl überlegte Möglichkeit der gemeinsamen Zukunft hat sie zueinander gebracht. Beide haben die besten Absichten, scheitern jedoch kontinuierlich an ihrer Verschiedenheit. Gemeinsam soll die neue Wohnung eingerichtet werden. Mina möchte das türkisfarbene Samtsofa, Kian plädiert für den steingrauen Zweisitzer. Sie möchte tanzen, Bewegung, Aufregung. Er lädt die tonangebenden Eltern zum Abendessen ein. Ohne Partei zu ergreifen, erspürt der Film von Susan Gordanshekan Momente von Nähe und Fremdheit. Die Annäherungsversuche sind im Ungleichgewicht, denn ihrer Herkunft können beide nicht entgehen. Kian kann den für ihn unkontrollierbaren Freiheitsdrang seiner jungen Frau nicht ertragen, Mina vereinsamt ohne die ihr gewohnte Großfamilie und Freunde.
 So defekt wie die Katze erweist sich zunehmend auch die Beziehung der beiden. Es gibt kaum etwas, dass sie miteinander teilen. Wenn Mina morgens aufwacht, ist die andere Seite des Bettes stets leer. Kommt Kian abends aus dem Krankenhaus nach Hause, ist Mina ihrem häuslichen Käfig entflohen. Schließlich haben sie den Mut, sich zu trennen.

Susan Gordenshekan ist mit „Die defekte Katze“ eine feinfühlige, umgekehrt verlaufende Liebesgeschichte gelungen. Wunderbar unaufgeregt heftet sich die Kamera an die Figuren, denen die Schauspieler Pegah Ferydoni und Hadi Khanjanpour intensiv und sehr körperlich Charakter verleihen. Ganz entgegen dem westlichen Idealbild wird hier eine Liebe erzählt, die keine auf den ersten Blick ist. Die aber auch zeigt, dass alternative Wege funktionieren können. Für Mina und Kian ist das dann, wenn sie die aufgeladenen Erwartungen aneinander abstreifen und – ausgerechnet – danke der Katze wieder zueinander finden.

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