CULT ist das Online-Magazin des Studiengangs Kulturkritik an der Theaterakademie August Everding

Radiotipp des Tages

Die AfD möchte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen. Andere Politiker halten die geplante Erhöhung des Beitrags für schwer zumutbar. Dabei kosten die Hörfunkprogramme jeden von uns nicht einmal 60 Cent am Tag. Hier gibt es für jeden Tag einen Tipp, der das Zehnfache wert ist. Mindestens.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Kaufhausrausch

Hörspiel: Die Bluse
WDR 3, 1. Juni 2020, 19.04 Uhr.
Im Hörspielspeicher des WDR: Die Bluse

Im Radio hat die vergangene Woche verstorbene Irm Hermann eine ganz eigene Karriere gemacht. Ihr markante Stimme hat sie prädestiniert für Figuren, die nicht viel von der Realität gehalten, sondern in ihrer eigenen Welt gelebt haben. Es waren in der Regel  entrückte, auch verrückte Figuren, flatterhaft und oftmals innerlich sehr frei.

So eine Figur spielte Irm Hermann auch in dem Hörspiel „Die Bluse“ von Hermann Harry Schmitz, das der WDR aus Anlass ihres Todes kurzfristig ins Programm genommen hat. Der Plot ist denkbar simpel: Eine Dame möchte rasch in ein Kaufhaus, eine Bluse kaufen. Ihr Neffe begleitet sie. Die Angelegenheit gestaltet sich schwieriger, als zumindest der Neffe gedacht hat, der als Erzähler dieser grotesken Ungeheuerlichkeit auftritt.

Am Ende sind Jahre vergangen, es hat Tote gegeben und noch mehr Menschen, die ihren Verstand eingebüßt haben. Dem Neffen ist sein Bart inzwischen bis in die Schuhe hineingewachsen, da sucht die Tante noch nach den richtigen Knöpfen – von dem Plan, eine fertige Bluse zu kaufen, ist sie längst abgerückt, sie will nun selbst eine nähen.

Inszeniert hat diesen Wahnsinn Heike Tauch, mit sehr viel Musik, die Graham F. Valentine, der den Neffen spielt, sowie Jürg Kienberger und Simon Gerber zusammengestellt haben. Sie beschwört eine Slapstick-Atmosphäre herauf, nicht von ungefähr muss man an „Die Marx Brothers im Kaufhaus“ denken.

Die von Irm Hermann als unbeirrte Dame gespielte Tante irrlichtert immer wieder durch diese Szenerie, sich echauffierend über den Irrwitz des Kaufhauses, durch dessen Stockwerke sie tapfer schreitet,  weil es kein nachvollziehbares System gibt, nachdem die Waren angeordnet sind. Die sture Ernsthaftigkeit dieser Figur und die lapidare Art, mit der Irm Hermann sie spielt, rufen eine absurde Komik hervor. So fein wie Irm Hermann konnte und kann das kaum eine andere.

 

Unter Tieren

Hörspiel: Das Dschungelbuch – Teil 2
WDR 5, 31. Mai 2020, 19.04 Uhr.
Alle drei Teile im Hörspielspeicher des WDR: Das Dschungelbuch

Auch diese dreiteilige Hörspielfassung von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ hat nicht die Härte des Originals. Aber sie ist bei weitem nicht so verschmust wie der Disney-Film. Vor allem die Dschungelgeräusche dringen viel dichter ans und ins Ohr, das Rascheln und Knacken und Knistern ist präsenter als in der Verfilmung.

Und auch die Tiere, die um das Menschenjunge streiten, sind biestiger. Der Schakal Tabaqui beispielsweise taucht bei Disney nicht auf – hier aber ist er ein verschlagenes, dem Wahnsinn extrem nahes Tier. Auch das Wolfsrudel ist wilder, der Tiger Shere Khan noch blutrünstiger.

Es gibt keine Songs, die die Geschichte in Gemütlichkeit abgleiten lassen. Hier sind alle jederzeit auf der Hut, kämpfen um ihren Platz, ihr Rudel, ihr Revier. In dieser „Dschungelbuch“-Fassung können die Schauspieler in die Vollen gehen: Traugott Buhre ist dabei, Jens Wawrczeck, Christian Redl, Horst Mendroch … Sie lassen den Dschungel aufleben, bei ihnen ist er kein Vorgarten, sondern tatsächlich die Wildnis.

 

Schule des Lebens

Hörspiel: Silentium!
Ö1, 30. Mai 2020, 14 Uhr. Teil 2 am 1. Juni 2020, 14 Uhr.

Ein Tischkicker, aus dem die Bälle nicht mehr hinausrollen. Denn eine abgehackte Hand steckt darin und blockiert den Weg der Bälle. Kein geringer Schock für zwei Internatsschüler, obwohl die einiges gewohnt sind: In der katholischen Schule geht es nicht zimperlich zu. Aber ein Mord ist eben doch noch einmal etwas anderes. Oder nicht?

Das ruft den Privatdetektiv Simon Brenner auf den Plan. Und wie in allen Krimis von Wolf Haas werden die Dinge oft sehr monströs – und damit urkomisch, weil anders die Bitterkeit nicht zu ertragen ist. Die Verzweiflung der Menschen, ihre Hilflosigkeit und was sie unternehmen, um doch einen Ausweg zu finden. Der sie natürlich nur noch tiefer in den Schlamassel hineinreitet.

Nicht nur die katholische Kirche gerät in Gefahr, sondern gleich auch noch die Salzburger Festspiele. Der Hörspielinszenierung gelingt es auch, sich von der Verfilmung zu lösen: Aus den Filmen verbindet man den Brenner mit Josef Hader. Hier spielt Erwin Steinhauer den Ermittler, Wolfram Berger ist mit seiner grabestiefen Stimme der Erzähler. Auch Gertraud Jesserer und Nicholas Ofzcarek sind dabei.

Es ist eine sehr österreichische Geschichte, in ihrer gesellschaftlichen Dimension, ihrem Personal, der Art, wie sie sich vor dem Hörer entfaltet. Mit viel Witz. Bösem Witz.

 

Sprachlos

Hörspiel: Ganz in Weiß
Bayern 2, 29. Mai 2020, 21.05 Uhr.

Rainer Werner Fassbinder hat Schauspiele inszeniert, Filme – und auch Hörspiele. Letztere nehmen in seinem Schaffen eine Randstellung ein, gehören jedoch zum Kanon des Genres und werden immer wieder mal wiederholt in den Programmen des Hörfunks.

So jetzt „Ganz in Weiß“ – ein Wiederhören unter anderem mit Hanna Schygulla, Peer und Kurt Raab, Harry Baer. Leider nicht mit Irm Hermann, die gestern gestorben ist; auch sie eine der großen, wichtigen Fassbinder-Darstellerinnen.

50 Jahre ist diese Produktion alt. 1970 hat Fassbinder die Geschichte eines „Fürsorgezöglings“ erzählt – ein Wort, das aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist. Heute würde man sagen: Heimkind. Und doch etwas anderes meinen. Von Selbstbestimmung kann bei einem Fürsorgezögling jedenfalls keine Rede sein, und auch nicht der Entwicklung eines Selbstbewusstseins.

Fassbinder mischt dokumentarische und fiktionale Aufnahmen, um zu demonstrieren, welches Machtinstrument Sprache ist. Wie sie befehlen, demütigen, unterdrücken kann. Wie sie einen Menschen ausgrenzen kann. Und dann interessiert ihn natürlich auch, warum es dagegen kein Aufbegehren gibt. Erzählt mit der ihm eigenen Wucht und formalen Strenge.

 

Löwen und Lämmer

Hörspiel: Die Gefangene – Teil 2
SWR 2, 28. Mai 2002, 22.03 Uhr. Teil 3: SWR 2, 4. Juni, 22.03 Uhr
Teil 1 in der ARD-Audiothek: Die Gefangene – Teil 1
Teil 2 in der ARD-Audiothek: Die Gefangene – Teil 2

Marcel ist der Mann. Er ist auch derjenige mit einem Vermögen. Aber ist er tatsächlich der Mächtigere in dieser merkwürdigen Beziehung, die er mit der blutjungen Albertine führt?

Den ganzen fünften der insgesamt sieben Bände seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ verwendet Marcel Proust auf dieses Paar, das Anstoß erregt in der Pariser Gesellschaft, weil es unverheiratet unter einem Dach lebt. Dabei ist diese Gesellschaft durchaus bereit, allerhand Ausschweifungen zu tolerieren, zumal sexuelle. Aber sie kann sich auch einer strengen Moral entsinnen, wenn ihr daran gelegen ist. Dann lässt sie Menschen gnadenlos fallen, demütigt sie öffentlich, sodass sich der Betreffende davon nie mehr erholt.

Es sind nicht Marcel und Albertine, denen dieses Schicksal widerfährt. Aber indem er einen Vertrauten Marcels den Gesellschaftslöwen und -löwinnen zum Fraß vorwirft, malt Proust in diesem Teilband einmal mehr aus, dass jede Beziehung in der gehobenen französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts neben einer inneren zwingend immer auch eine äußere Dimension hat. Dass es Privatsphäre nicht gibt und das Glück des Einzelnen von der Zustimmung der Einflussreichen abhängt.

Die Regisseure Iris Drögekamp und Hermann Kretzschmar stromern insofern genauso neugierig durch die privaten Gemächer wie die öffentlichen Salons in ihrer dreiteiligen Hörspieladaption von Die Gefangene. In die Salons möchte Marcel seine Albertine jedoch nicht lassen, denn er ist maßlos eifersüchtig – selbst dann noch, wenn er ihrer längst überdrüssig ist und nach einem feigen Weg sucht, sie loszuwerden. Aber da hat er die Rechnung ohne Albertine gemacht.

Michael Rotschopf und Lilith Stangenberg spielen dieses Paar, mit großem und doch zartem Format; sie schaffen runde Figuren, komplizierte Charaktere mit vielen Widersprüchen. Selbst in der kürzeren Fassung, die der SWR vorerst sendet, nimmt sich die Geschichte drei Stunden Zeit, um diese beiden Menschen zu ergründen, in ihren Absichten, ihren Sehnsüchten, ihren Ängsten, ihrer Abgebrühtheit. Es ist eine Geschichte der Konventionen genauso wie der Freizügigkeit. Elegante Subtilität und explizite Frivolität halten sich die Waage. Am Ende bleiben nur Erinnerungen. Auch ein paar gute.

 

 

Klimakämpfer

Feature: Greta bringt die Welt in Ordnung
SWR 2, 27. Mai 2020, 22.03 Uhr.
Als Stream und Download: Greta bringt die Welt in Ordnung

Das Feature „Greta bringt die Welt in Ordnung“ von Tom Schimmeck ist nicht mehr ganz aktuell – NDR und SWR haben es bereits im vergangenen Jahr produziert. Und doch wird es jetzt zur richtigen Zeit wiederholt. Schimmeck schildert, wie Greta Thunberg innerhalb eines Jahres zu einer weltweiten Ikone geworden ist für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Wer sie unterstützt, wer sie nicht ernst nimmt, wer sie bekämpft.

Die Corona-Krise hat die Klima-Krise erst einmal beiseite geschoben in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Doch jetzt, da die Wirtschaft langsam wieder hochfährt und es die Menschen zurück zur alten Normalität drängt, stellt sich die Frage drängender denn je: Wie wollen vor allem die westlichen Gesellschaften leben? Wollen sie wieder so produzieren und konsumieren wie vor dem Ausbruch des Virus?

Wer sich in diesem Feature noch einmal die Wucht der Bewegung vor Ohren führt, die die junge Schwedin losgetreten hat, kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass sie schon wieder Geschichte ist. Bei allem, was die Politik nun an Wirtschaftsförderung unternimmt, werden viele Menschen wohl sehr genau hinsehen – der Protest gegen eine erwogene Kaufprämie für Autos hat das in Deutschland bereits gezeigt.

 

Radikale Kehrtwende?

Feature: Wer spricht schon mit einem Neonazi?
Deutschlandfunk, 26. Mai 2020, 19.15 Uhr.
Als Stream und Download: Wer spricht schon mit einem Neonazi?

Als sich Achim Schmid die Haare kurzrasiert hat und keiner Schulhof-Schlägerei mehr aus dem Weg gegangen ist, wurde er respektiert. Sogar gefürchtet. Endlich. Da war er 13 Jahre alt. Die Skinhead-Attitüde: Erst einmal nur ein Vehikel, um aus der Außenseiter- und Opferrolle herauszufinden. Aufgrund einer teilweisen Gesichtslähmung wurde Schmid von klein auf verspottet und ausgegrenzt.

Doch es war der Anfang einer rechtsradikalen Karriere. Achim Schmid tauchte tief in die Skinhead-Szene ein, trat der NPD bei. Bald hatte er internationale Kontakte, er übersetzte einschlägige Traktate aus dem Englischen ins Deutsche. Irgendwann wurde ihm angetragen, dem Ku-Klux-Klan beizutreten. Achim Schmid war ganz vorne dabei.

Das habe, sagt er heute, erheblich an den Kräften gezehrt: „Jeden zu hassen ist extrem anstrengend, raubt einem alle Lebensfreude.“ Vor vielen Jahren hat Schmid mit der rechtsradikalen Szene gebrochen, von einem Tag auf den anderen. Ihm sei klargeworden: Wenn er so weitermache, lande er entweder recht bald im Gefängnis oder sei tot.

Aus der Szene heraus sei er deshalb erstaunlich wenig unter Druck gesetzt worden, so Schmid. Aber Fuß zu fassen in der bürgerlich-demokratischen Mehrheitsgesellschaft sei ihm schwergefallen. Seine Vergangenheit hat ihm große Schwierigkeiten bereitet, das Vertrauen in die Aufrichtigkeit seiner Läuterung war überschaubar.

Sabine Adler gibt ihm in ihrem Feature dennoch Raum, seine Sicht der Dinge darzulegen. Heute lebt Schmid unter neuem Namen in Memphis, Tennessee, in der dortigen Black Community. Er hat sich zaghaft mit einem Rabbi angefreundet, der Schmids Geschichte kennt. Je länger man zuhört, desto geringer werden die Zweifel am Wahrheitsgehalt der Geschichte, die hier erzählt wird.

 

Sprengkräfte

Radio-Essay: Castle Bravo, Heidegger, Godzilla und der ganze Rest
SWR 2, 25. Mai 2020, 22.03 Uhr.

Die Geburt der Populär- wie der Hochkultur aus der Atombombe: Kalle Laar knüpft in seinem Radio-Essay „Castle Bravo, Heidegger, Godzilla und der ganze Rest“ von 2018 ein Netz aus Bezügen, in dessen Zentrum die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki stehen und die Atombombentests in den späten 1940er- und den 1950er-Jahren. Und in das Lieder, Filme, Bücher eingewoben sind, die inspiriert sind von der Bombe und ihrem Schrecken.

Eine der Inspirationen für den ersten Godzilla-Film war der verheerende US-amerikanische Atombombentest im Bikini-Atoll am 1. März 1954: Die Sprengkraft der Bombe war falsch berechnet worden, sie war zweieinhalbmal höher als erwartet. Der nukleare Fallout war der größte aller Bombentests, unter anderem wurde die Besatzung des japanischen Fischkutters „Glücklicher Drache“ verstrahlt. Das Bikini-Atoll war auf Jahrzehnte verseucht.

Die Godzilla-Filme sind eine unmittelbare Reaktion auf das nukleare Trauma in Japan. Zur selben Zeit, Mitte der 1950er, adaptierte nicht nur die Populärkultur das Thema – Kalle Laar geht auch auf die Popmusik und die Schlager ein, die er ernst nimmt als Zeitgeistindikator –, sondern obendrein die intellektuelle Szene der westlichen Welt. 1955 schrieb Martin Heidegger seinen Aufsatz „Zum Atomzeitalter“, in den USA befasste sich Linus Pauling, der sowohl den Nobelpreis für Chemie erhalten hat als auch den Friedens-Nobelpreis für seinen Einsatz gegen Atomwaffentests, mit den Bedrohungen: Seine kritische Auseinandersetzung „On Fallout and Nuclear Warface“ ist auf Langspielplatte erschienen, Tonträger eigentlich von klassischer wie populärer Musik.

Laar lässt es schließlich nicht bei der Kultur bewenden. Sie ist Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Debatten; und die beschreibt der Autor, speziell jene, die in den 1950er-Jahren in Deutschland geführt worden sind.

 

Raus aus dem Dorf

Hörspiel: Der Platz
HR 2, 24. Mai 2020, 14.04 Uhr.
Als Stream und Download: Der Platz

Sehr schnell ist eine Radio-Trilogie entstanden, innerhalb weniger Monate, und hat auch das Hörspiel die französische Autorin Annie Ernaux in Deutschland bekannt gemacht. Ernaux schreibt: über sich. Ihr Leben, ihre Familie. „Die Jahre“ spannt den Bogen am weitesten, erzählt wird die ganze Lebensgeschichte. Mit einem Fokus auf den Umgang der Autorin mit ihrer Weiblichkeit. „Erinnerung eines Mädchens“ kapriziert sich auf wenige Jahre, den Ausbruch aus dem Elternhaus und den absoluten Willen, sich sexuell zu erproben.

„Der Platz“ schließt daran an. Im Zentrum steht die Beziehung Ernaux‘ zu ihrem Vater, die schwierig war ab dem Moment, in dem ihm klargeworden ist, dass seine Tochter ins Bürgertum strebt. Sich für Literatur interessiert, studieren möchte. Er, ein Bauernsohn, Fabrikarbeiter und später Kneipenbesitzer, konnte im Grunde keine Arbeit akzeptieren, die nicht mit den Händen verrichtet wird.

Die Texte von Annie Ernaux sind sanft im Stil, auch im Ausdruck. Sie erzählt nicht mit Knall und Krawall von den Streitereien, dem Unverständnis. Sehr nüchtern schildert sie die Vorgänge, hinterfragt, relativiert. Stephanie Eidt spielt hier das Alter Ego der Autorin, behutsam inszeniert von Erik Altorfer.

Im Kern geht es um Identitätsfragen. Um den Preis des sozialen Aufstiegs, der in einer Verleugnung der Herkunft, auch der Sozialisation besteht. Sie habe, so Ernaux, nicht mehr so sprechen können, wie sie es gelernt hatte. Und musste aber, wenn sie bei den Eltern zu Besuch war, in die alte Diktion zurückfallen, um noch verstanden zu werden. Und akzeptiert.

 

Grundsätzlich falsch

Hörspiel: Der jüdische Gerichtsvollzieher
Bayern 2, 23. Mai 2020, 15.05 Uhr.
Im Hörspielpool des BR: Der jüdische Gerichtsvollzieher

Den Holocaust hat auch Siegfried Lichtenstaedter nicht vorhergesehen. Aber der fränkische Autor, der 1942 im KZ Theresienstadt um Leben gekommen ist, hat in seiner Satire „Der jüdische Gerichtsvollzieher“ den Antisemitismus sehr genau beschrieben, wie er von einer breiten Masse der deutschen Gesellschaft bereits in den 1920er-Jahren formuliert, gelebt und mitgetragen worden ist.

Diesen Text von 1926 hat Richard Oehmann nun als Hörspiel adaptiert. Oehmann ist bekannt als die Kasperl-und-Böser-Zauberer-Hälfte von Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater. Ein Experte für den Aberwitz. Nur dass es hier nicht um eine selbstgenügsame Anarchie wie im Kasperltheater geht, sondern die Situation eine existentiell bedrohliche ist, so absurd sie einem auch erscheinen mag.

Lichtstaedter hat sich ein kleines Fürstentum ausgedacht, Anthropopolitanien, in dem eine kleine jüdische Minderheit lebt. Als nun der Posten des einzigen Gerichtsvollziehers neu zu besetzen ist, fällt die Wahl auf den am besten qualifizierten Bewerber – einen Juden. Die Empörung in der Bevölkerung ist groß. Denn wie könne es angehen, dass eine Minderheit das Monopol auf die Gerichtsvollzieherei erhalte.

Und egal, was der Gerichtsvollzieher fortan unternimmt: Es wird stets gegen ihn verwendet. Geht er zu lax vor, nörgeln die Gläubiger, ist er zu streng, barmen die Schuldner. Weil er unverheiratet ist, unterstellt man ihm den Drang, bei seinen Hausbesuchen den Frauen zu nahe zu treten. Als er sich daraufhin vermählen möchte, fürchtet man, er sei korrupt, um eine Familie finanzieren zu können.

Die öffentliche Meinung wird gelenkt von einer völkischen Zeitung, die viel auf ihre Faktentreue hält. Sie gewichtet die Fakten nur unterschiedlich und lässt manche komplett unter den Tisch fallen. Verweigert sich also den realen Tatsachen und schafft sich ihre eigene Wirklichkeit.

Das hat Komik, rührt jedoch an die verstörende Erkenntnis, dass sich mit derlei Faktenverweigerung auch heute noch Politik machen lässt. Die AfD führt das in Deutschland vor, in Polen und Ungarn ist das ebenfalls zu beobachten, in Brasilien, Russland und auf den Philippinen; die Brexitpolitik Großbritanniens ist in Teilen ein Beispiel dafür – und natürlich die Präsidentschaft Donald Trumps und dessen Allianz mit dem Sender Fox News.

 

In der Vorhölle

Hörspiel: Notaufnahme
RBB Kultur, 22. Mai 2020, 22.04 Uhr.
Als Stream und Download: Notaufnahme

Kein Handyempfang, nichts zu lesen. Die totale Langeweile beim Warten. Worauf eigentlich? Von Ärzten und Pflegern ist weit und breit keine Spur. Die Patienten sind auf sich selbst zurückgeworfen. Wobei in Ralf N. Höhfelds Hörspiel „Notaufnahme“ nicht einmal klar ist, ob sie einander tatsächlich begegnen oder nicht jeder in einem eigenen Wartebereich versauert. Es sind lauter kurze Szenen, irgendwann pöbelt einer der Patienten, die alle nur Nummern tragen, einen anderen an. Es ist ein Streit darüber, wer ernsthaft verletzt oder erkrankt ist und wer stattdessen mit einer Lappalie den Betrieb aufhält. Dann wieder plärrt einer: „Ist hier jemand?“ Er könne hier sterben, niemand würde etwas merken. Was real ist und was in den Köpfen der Menschen stattfindet, ist nicht eindeutig zu entscheiden. Selbst medizinisch Tote und Komapatienten reden mit.

Denn Stille ist keine Option, nicht einmal für denjenigen, dem es zu laut ist – was er lauthals kundtut: „Ruuuuhhee!“. Dass es keine Zeitschriften gibt in der Notaufnahme, hindert dann auch keinen der Wartenden daran, seine private Ausgabe der „Gala“ zu referieren. Klatsch über Prominente lenkt ab von der Angst, ernsthaft erkrankt zu sein. Sterben zu müssen. Jetzt. „Werden Sie heute auch sterben?“ Eine Frau stellt diese Frage tatsächlich.

Es steckt eine Menge Absurdität in den Szenen, das liegt in den Situationen selbst begründet und darin, wie sie zugespitzt werden. Ralf N. Höhfeld, die Regisseurin Heike Tauch und das Ensemble – darunter Boris Aljinovic, Katharina M. Schubert, Dimitrij Schaad, Lisa Hrdina und Leslie Malton – spielen mit dieser Komik. Ohne sich lustig zu machen über die Figuren und den ernst zu nehmenden Teil ihrer Probleme. „Notaufnahme“ selbst ist ein Ventil für die Beklemmungen, die die Vorstellungen von einem Aufenthalt dort wecken.

 

Panikattacken

Hörspiel: M (1) – Eine Stadt sucht einen Mörder (Wer hat Angst vor was eigentlich?)
Bayern 2, 21. Mai 2020, 21.05 Uhr.

Wie Mörder. Oder wie München. Was wird aus einer Stadt, aus ihren Bewohnern, wenn die Angst umgeht? Vor einer Gefahr, die vielfache Gestalt annimmt. Eine Angst, die zur Grundstimmung der Menschen wird.

Schorsch Kamerun wollte „M (1) – Eine Stadt sucht einen Mörder (Wer hat Angst vor was eigentlich?)“ im Münchner Marstall zeigen, als Projekt der Münchener Biennale in Kooperation mit dem Residenztheater und dem Bayerischen Rundfunk. Letzterer bietet nun die Bühne, in seinem Kulturprogramm. Aus der Theaterproduktion ist ein Hörspiel geworden. Notgedrungen. Ohne dass dies ein Notbehelf ist.

Der Musiker, Regisseur und Autor ist ein versierter Hörspielmacher, erfahren in diesem Genre. Und so ist ihm mitsamt seinem Ensemble der Transfer geglückt in ein anderes Medium, in dem eigene Gesetze herrschen. Kamerun befolgt sie und verhandelt nun auf einer akustischen Ebene – Fritz Langs Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Folie benutzend – die grassierende Angst. Nicht nur vor dem Coronavirus, die Panik vor der Pandemie fügt sich nur logisch ein. Die Angst sitzt tiefer, wird länger schon genährt. Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise, Identitätskrise – es scheint, als könnten die Menschen keinen Gedanken mehr fassen, dem nicht ein Schrecken eingeschrieben ist.

Der Film scheint immer wieder durch, als Grundmuster einen tiefen Verunsicherung. Schorsch Kamerun spielt geschickt damit und lotet aus, wie viel Schutz die Bevölkerung bräuchte, um wieder Zuversicht zu verspüren. Und vor allem: Schutz wovor? Die Antworten sind mitunter verstörend.

 

Auf dem Holzweg

Feature: Das neue deutsche Waldsterben
SWR 2, 20. Mai 2020, 22.03 Uhr.
In der ARD-Audiothek: Das neue deutsche Waldsterben

„Noch zwei oder drei so trockene Sommer, und wir haben im ganzen Harz keine Fichte mehr, die älter als 60 Jahre ist“, sagt ein Ranger des Nationalparks. Der Klimawandel bekommt den Nadelbäumen nicht gut, das ist in ganz Deutschland zu beobachten. Im Harz besonders drastisch. 3000 Hektar Wald sind im dortigen Nationalpark allein im vergangenen Jahr abgestorben – ein Siebtel des Bestandes.

Max Lebsanft schildert in seinem ARD-Radiofeature „Das neue deutsche Waldsterben“, wie prekär die Lage ist. Durch die Trockenheit drohe der Zusammenbruch ganzer Wald-Ökosysteme. Die Gefahr verheerender Waldbrände und großer Schädlingsplagen nehme drastisch zu.

Was man unternehmen kann, um die Entwicklung abzumildern, vielleicht sogar zu stoppen, darüber sind sich die Fachleute uneins. Lebsanft berichtet auch von diesem Streit der Experten und der einzelnen Interessengruppen – Naturschützer, Förster, Vertreter der Holzindustrie.

Eines aber scheint klar: Einfach darauf zu vertrauen, dass Laubbaumarten, die ein wärmeres und trockeneres Klima vertragen, die Nadelbäume in den heimischen Wäldern ersetzen, wird nicht genügen.

 

Böse Nachbarn

Feature: Frontera
Deutschlandfunk, 19. Mai 2020, 19.15 Uhr.
Als Stream und Download: Frontera

Menschen kreischen, Menschen weinen – vor Wut, vor Trauer und doch auch ein wenig vor Glück. Die Mitglieder einer mexikanischen Familie treffen sich, es gelingt ihnen sogar, sich an den Händen zu berühren. Von beiden Seiten des mexikanischen-amerikanischen Grenzzauns stecken sie ihre Finger hindurch zu den geliebten Menschen auf der anderen Seite. Alle kommen sich vor wie in einem Gefängnis.

Die Szene am Beginn des Features von Lorenz Rollhäuser über die aktuelle Situation an dieser Grenze dokumentiert eine maßlose Demütigung. Die USA stehen in diesem Moment nicht für Freiheit und Sicherheit – was sich all jene im Grunde erhoffen, die diese Grenze in Richtung Norden überwinden wollen, egal ob legal oder illegal. Sie steht für ein Ausgeliefertsein, egal, auf welcher Seite man sich befindet.

Die Emotionalität der Eingangsszene schwingt die ganze Sendung über mit, man vergisst nie, dass es um konkrete Individuen geht, von deren Schicksalen Rollhäuser berichtet, und die stellvertretend stehen für ein zynisches System. Die USA haben diese Grenze weitgehend dicht gemacht für Migranten, die nicht nur aus Mexiko nach Norden wollen, sondern aus ganz Mittelamerika.

Deren Arbeitskraft machen sich amerikanische Unternehmen zunutze, mit Unterstützung des amerikanischen Staates – auf mexikanischem Territorium. Dass sie damit kriminelle Strukturen stärken, schert die USA wenig. Im Zweifel rüsten sie ihrerseits auf. Die Grenze bringt dann umso mehr Jobs, je erbarmungsloser sie kontrolliert wird.

 

Im Schweinsgalopp

Hörspiel: Meister Eder und sein Pumuckl – Pumuckl auf dem Lande
Bayern 2, 18. Mai 2020, 18.30 Uhr.
Als Download: Pumuckl auf dem Lande

Nach Wochen des Stillstands setzt der Tourismus wieder ein – langsam und mit Einschränkungen, aber immerhin. Auch wenn die ersten Reisen nicht in die Toskana, die Provence oder an die Algarve führen, schon gar nicht nach Thailand oder Kuba: Es geht wieder los. Vorerst innerhalb Deutschlands, an die Küsten, in die Berge. Urlaub auf den Bauernhof ist gerade sehr beliebt.

Zu so einem brechen auch der Schreinermeister Eder und sein Kobold Pumuckl auf. Der arbeitsame Handwerker sperrt seine Werkstatt für zwei Wochen zu, um sich in einem Gebirgsort zu erholen. Was natürlich nicht klappt, mit Pumuckl in der Manteltasche. Obwohl der sich in dieser Folge redlich Mühe gibt, brav zu sein – und die Strafe, die ihn schließlich ereilt, ganz zu Unrecht aufgebrummt bekommt von Eder. Das heißt: aus dem falschen Grund. Denn Unfug stellt er natürlich an – er versucht, ein Ferkel als Reittier zu dressieren. Aber das Tier ist mindestens so eigensinnig wie der Kobold selbst.

Einerseits sind die Pumuckl-Hörspiele natürlich aus der Zeit gefallen, andererseits nach wie vor ein großer Spaß, was vor allem an der Figur des Kobolds liegt, an seiner gewitzten Argumentation, an seiner Impulsivität, seiner Begeisterungsfähigkeit und dem heiligen Zorn, der in regelmäßig packt. Bei allen Verdiensten der Autorin Ellis Kaut: Hans Clarin hat diese Figur erst erschaffen, mit seiner Stimme, die koboldhafter nicht sein könnte.

 

Letzte Worte

Hörspiel: Norway. Today
Deutschlandfunk Kultur, 17. Mai 2020, 18.30 Uhr.
Als Stream und Download: Norway. Today

Ein Stück aus den Anfängen: Am Beginn des Jahrtausends hat sich die Kommunikation ins Digitale verlagert. Chatrooms entstanden, vor allem junge Menschen begannen, Teil einer globalen Kommunikations-Community zu sein. Die volle Sichtbarkeit, einerseits. Aber auch damals schon: die totale Anonymität andererseits. Voyeurismus und Denunziation.

Der Autor Igor Bauersima hat das Stück der Stunde geschrieben, „Norway. Today“. Ein europaweiter Theatererfolg. 2001 auch fürs Hörspiel adaptiert, inszeniert von Norbert Schaeffer mit der schon damals bekannten Fritzi Haberlandt und mit André Szymanski. Julie und August finden sich im Netz. Sie will sich umbringen, sucht jemanden, der es gemeinsam mit ihr tut. So gerät sie an ihn.

Die beiden reiben sich aneinander, im Chat. Julie will wissen, woran sie ist mit August. Ihre Gretchenfrage an ihn: Was ist Vernunft? – August hat seinen Kant gelesen: Vernunft, antwortet er, sei ein vollkommen unvernünftiges Konstrukt. Damit hat er sie.

Er kommt zu ihr nach Norwegen, sie reisen an einen Fjord. Dort wollen sie in die Tiefe springen. Sie, 20 Jahre alt, weil sie alles schon erlebt hat, was sie erleben wollte, und nicht mehr erwartet. Er, 19 Jahre alt, weil er einmal stark sein will im Leben.

Aber eines haben sie noch zu erledigen. Das sind sie ihrer Generation schuldig: ein Abschiedsvideo. Kein Brief, wie früher, den nur die Angehörigen lesen. Nein, einen Film für die ganze Welt. Famous last words. Aufnehmen, löschen, aufnehmen, löschen: Julie und August wollen kontrollieren, was von ihnen bleibt in der digitalen Nachwelt. Die Sorglosigkeit heutiger Teenager ist ihnen noch fremd.

Zu pathetisch, zu flapsig, zu umständlich, zu ruppig, zu dumm, zu altklug. Schwierige Frage, was von ihnen bleiben soll.

 

Schmerzen im Herzen

Hörspiel: Die Feuerbringer
WDR 3, 16. Mai 2020, 19.04 Uhr.
Im WDR-Hörspielspeicher: Die Feuerbringer

Es trifft sich gut, dass der Schlagersänger besoffen gegen einen Baum fährt und deshalb zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wird. Einen wie ihn braucht das Land jetzt: Er muss bei der Integration von Migranten helfen und für sie einen Schlager-Workshop leiten.

Eine Herkules-Aufgabe. Die Teilnehmer können wegen ihrer Akzente das Wort „Herz“ nicht mit genug Schmelz singen, auch wollen sie „posttraumatische Belastungsstörung“ in einem Heile-Welt-Liedtext unterbringen.

Tomer Gardis Hörspiel-Komödie „Die Feuerbringer“ unterwandert die deutsche Sprache und die Schlager-Musik, denn die Migranten sind trotz aller Hemmnisse mit Eifer bei der Sache. Am Ende steht keine Note mehr an ihrem Platz. Und dahinter im Gewand der Ironie die Frage: Wie viel Helene Fischer braucht das Land, um sich seiner selbst gewiss zu sein?

 

Stimme und Sprecher

Feature: Mikro Beute Kunst
Deutschlandfunk, 15. Mai 2020, 20.05 Uhr.
Als Stream und Download: Mikro Beute Kunst

Wie viel Wahrhaftigkeit steckt in einem Originalton? Ist das, was jemand in ein Mikrofon spricht und was dann Teil einer Radiosendung wird, noch ein Teil der Realität?

Giuseppe Maio skizziert in seinem Feature „Mikro Beute Kunst“ eine kurze Geschichte des Originaltons im Hörfunk – der nicht nur für journalistische Formen wie Reportagen und Features, sondern auch für fiktionale wie das Hörspiel in große Rolle spielt. Und er diskutiert die Frage, wie authentisch dieses Material noch ist, wenn sich die Stimme von ihrem Sprecher löst, wenn das Gesprochene geschnitten, gefiltert, montiert, gemischt wird.

Eine spannende, kluge Auseinandersetzung mit einer wesentlichen Grundlage des Hörfunks, zugleich ein Einblick in wegweisende, maßgeblich auf Originaltönen basierende Produktionen der Rundfunkgeschichte, die Maio immer wieder zitiert.

Dabei zielt das Feature nicht in erster Linie auf die Branche selbst. Es ist für jeden von Interesse, der den Hörfunk und seine Mechanismen kritisch hinterfragt – was man auch als geneigter Hörer tun sollte.

 

Mehr Testosteron

Hörspiel: The Revolution Will Be Injected
Deutschlandfunk Kultur, 14. Mai 2020, 22.03 Uhr.
Als Stream und Download: The Revolution Will Be Injected

Testosteron. Viel Testosteron. Damit der Körper zu einem männlichen wird. Man darf halt dann keinen Leistungssport betreiben, weil das Doping ist. Orlando de Boeykens, Tucké Royale und Hans Unstern kreiieren in ihrem Hörspiel „The Revolution Will Be Injected“ Körperkonzepte, wandeln brachial Geschlechter um, schaffen neue Zugehörigkeiten.

Das Ganze hat aber überhaupt nichts Frankenstein-haftes. Die drei Autoren brechen nur die klassischen Grenzen auf, loten aus, inwieweit Geschlecht eben nicht zwangsläufig angeboren ist. Das Stück ist eine muntere, auch eine sehr musikalische Assoziationskette. Wobei man sich durch die oberflächliche Heiterkeit nicht irritieren lassen darf: Orlando de Boeykens, Tucké Royale und Hans Unstern meinen das alles sehr ernst.

 

Blanker Horror

Hörspiel: Träume
NDR Kultur, 13. Mai 2020, 20 Uhr.
Als Stream: Träume

Die Aliens kommen! Davon waren etliche Amerikaner überzeugt, als sie Orson Welles‘ Hörspiel-Inszenierung „The War of the Worlds“ hörten. Unter anderem dieser Coup verschaffte Welles den bombastischen Hollywood-Vertrag, den er bald darauf aushandeln konnte und der „Citizen Kane“ zur Folge hatte.

Auch das deutsche Hörspiel hat seinen großen frühen Skandal: Günter Eich hat ihn ausgelöst. Seine „Träume“ haben das Radiopublikum 1951 massiv verstört. Haben zu wütenden Protesten geführt. Etliche der Anrufe im Sender wurden damals mitgeschnitten – wer die hört, ist davon mindestens so verstört wie von dem Hörspiel selbst: „Unter Hitler hätte es so etwas nicht …“

Eich hat fünf Szenen entworfen, fünf Albträume. Sie schildern grundlegende Ängste, ihr aktueller Ursprung war seinerzeit unschwer in den Grauen des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Terrors auszumachen. Es geht um Deportationsfantasien, um atomare Krisen, um die Wahnvorstellung, von innen heraus aufgefressen zu werden.

Der besondere Kniff Günter Eichs ist, dass man „Träume“ sowohl als Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit ebenso hören kann wie als Science-Fiction. War das „Dritte Reich“ nur ein Preludium? Wird alles noch viel schlimmer, noch weniger begreiflich?

Auch nach 70 Jahren sind die „Träume“ noch beklemmend, verursachen sie ein großes Unbehagen, sind sie bedrohlich. Man kriegt sie, so viel sollte einem klar sein, so schnell nicht wieder aus dem Kopf.

 

Kindheit gesucht

Hörspiel: Die Rückreise
Deutschlandfunk, 12. Mai 2020, 20.10 Uhr.

Dylan Thomas hat Hörspielgeschichte geschrieben: Der walisische Schriftsteller hat „Under Milk Wood“ fürs Theater geschrieben, aber berühmt wurde der Text als Hörspiel – 1954 gewann die Inszenierung der BBC als erstes Hörspiel den renommierten Prix Italia. Da war Thomas schon tot, keine vierzig Jahre alt geworden. In Deutschland wurde „Unter dem Milchwald“ fünf Mal fürs Radio produziert, darunter ist sogar eine niederdeutsche Dialektfassung. Ein Traum- und Gedankenspiel, mit einer ganz eigenen Logik.

Nach einer solchen funktioniert auch „Die Rückreise“. Dieses Hörspiel ist weniger irritierend als „Under Milk Wood“, mit mehr Verankerungen in der Realität. Wieder war es Erich Fried, der den Text ins Deutsche übertragen hat, Peter Zwetkoff hat die Musik komponiert, Gert Westphal Regie geführt, 1956, zwei Jahre nach der ersten deutschsprachigen Adaption von „Under Milk Wood“.

Dylan schildert, wie sein Alter Ego nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimatstadt Swansea zurückkehrt und sich nach dem Jungen erkundigt, der er war. Er bekommt verstörende, ausweichende Antworten – niemand scheint ihn recht zu kennen. Auf Bekanntes stößt er nur, wenn er in die alten Fantasien eintaucht.

Oskar Werner und Gustl Halenke sind zu hören in dieser eigenwilligen Selbstbefragung. „Die Rückreise“ ist auch für die Hörer eine, in die Zeit der Monoaufnahmen, eines fremden Sprachduktus‘, zu Stimmen, die nur noch die Älteren wiedererkennen. Und es ist eine Reise in eine Zeit, als die Nachbeben des Krieges noch heftig zu spüren waren im Alltag der Überlebenden.

 

Auge um Auge

Hörspiel: Der Apfel fällt nicht weit vom Krieg.
WDR 3, 11. Mai 2020, 19.04 Uhr. Die weiteren Folgen: 12., 13. Und 14. Mai, jeweils 19.04 Uhr.
Im Hörspielpool des WDR: Der Apfel fällt nicht weit vom Krieg

François Pérache spannt einen weiten Bogen in seinem vierteiligen Hörspiel, vom Anfang der 1960er-Jahre bis in die Gegenwart. Weiter als die meisten anderen Analysten, die auf der Suche nach den Ursachen für den Terrorismus, der Frankreich in der Gegenwart immer wieder hart attackiert, nicht so weit zurückblicken.

Der Autor und Schauspieler jedoch sieht Zusammenhänge. In ihnen spiegelt sich auch die eigene Familiengeschichte. Im Oktober 1961 wird George Pérache ermordet, von Mitgliedern der Algerischen Befreiungsfront FLN – weil er Polizist war. Der französische Staat hat sich noch im selben Monat gerächt. Fast 200 Algerier starben in Paris bei einer Demonstration, die Polizei ging gnadenlos gegen sie vor.

Im November 2015 ist George Péraches Enkel François unterwegs in Richtung Bataclan. Es gibt wieder viele Tote in der Stadt. Pérache erkennt in den neuen Konfliktlinien die alten wieder. Er stellt in seinem Hörspiel „Der Apfel fällt nicht weit vom Krieg“ Verbindungen her, zeichnet Linien nach, die von der Vergangenheit vor 60 Jahren in seine Gegenwart führen.

Es gibt Tatsachen in diesem Stück und Mutmaßungen. Überlegungen, Indizien, Gedankenspiele. Keine absoluten Wahrheiten. Es ist ein sehr persönlicher Blick auf ein großes gesellschaftliches Thema, ohne Wehleid und ohne Arroganz.

 

Die letzte Schlacht

Hörspiel: Das Verhör des Lukullus
Deutschlandradio Kultur, 10.Mai 2020, 18.30 Uhr.

Anders als im Theater, das trotz aller neuen Stoffe und Experimente auf einen Stücke-Kanon vertraut, wird im Hörspiel ein Stoff nur sehr selten reinszeniert. Ausnahmen davon gibt es vor allem in der Frühphase dieser Kunstgattung. Bert Brechts „Das Verhör des Lukullus“ bringt es auf mindestens acht Inszenierungen, die jüngste ist aus dem Jahr 2018 vom Schweizer Radio SRF. Der Schweizer Rundfunk hat es gleich dreimal produziert, zuvor bereits 1974 und – das war die Uraufführung – 1940, damals noch bei Radio Beromünster. Auch vom Bayerischen Rundfunk gibt es zwei Fassungen, von 1949 und 1957.

Deutschlandfunk Kultur sendet eine Produktion von 1966 – entstanden beim Rundfunk der DDR. Es ist die Geschichte eines Gerichtsprozesses. Ein Lehrstück. Der römische Feldherr Lukullus liebte die Völlerei, und er eroberte dem Reich manches hinzu. Dass dabei insgesamt 80.000 seiner Soldaten den Tod fanden, ist ihm einerlei – jedenfalls bei Brecht. Bei ihm ist dieser Lukullus nun selbst tot, aber das ist nicht das Ende.

Ihm wird in der Unterwelt der Prozess gemacht. Die Verteidigungsstrategie des Angeklagten: Prahlerei. Mit seinen militärischen Verdiensten. Mit Ruhm und Reichtum, die er Rom eingebracht hat. Er hat es jedoch mit einem Schöffengericht zu tun. Das Volk sitzt über ihn zu Gericht. Es sieht in ihm einen Zyniker der Macht.

 

Denunziant in eigener Sache

Hörspiel: Der Herr Karl
Ö1, 9. Mai 2020, 14 Uhr.
Als Stream (bis 15. Mai): Der Herr Karl

Jeder Satz eine Lüge, ein Selbstbetrug oder eine Entlarvung. Dahergesagt im schönsten Plauderton. Ganz unschuldig. Denn dieser Herr Karl nimmt gar nicht wahr, dass er lügt, betrügt und sich selbst bloßstellt.

„Der Herr Karl“ als eine Kabarettnummer abzutun, wäre viel zu klein. In diesem Text steckt die sprachliche Schärfe Thomas Bernhards und der anklagende Furor Elfriede Jelineks. Nur verpackt, in den sanften Wiener Schmäh. Helmut Qualtinger und Carl Merz haben diesen Monolog geschrieben – fürs Fernsehen. Im selben Jahr, 1961, ist er auch als Hörspiel inszeniert worden. Und hat dann eine Bühnenkarriere hingelegt.

Dieses Hörspiel sendet nun das ORF wieder einmal. Es scheint an der Zeit.

Dieser Herr Karl, gespielt von Qualtinger, hält sich für ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, einen fleißigen Arbeiter, einen Charmeur. Er wähnt sich bescheiden, aufrichtig, klug, gebildet, attraktiv. Nichts davon ist wahr. Er ist faul, ein Sexprotz – und ein Opportunist in Reinkultur. Politisch ist er nie angeeckt, weil er sich stets durchlaviert. Vielleicht ist das der einzige wahre Satz, den er spricht: Er sei ein unpolitischer Mensch, sagt Karl einmal. Ein Mensch ohne Haltung.

 

Werbung und Wahrheit

Hörspiel: Unbekannte Meister 4
Bayern 2, 8. Mai 2020, 21.05 Uhr.
Im Hörspielpool des BR: Unbekannte Meister 4

Hörspiele können jederzeit so tun, als wäre alles wahr, wovon sie erzählen. Der Schriftsteller und Regisseur Jakob Nolte zieht sein Stück „Unbekannte Meister 4“ auf wie ein Feature aus einer Porträt-Reihe. Und was sollte auch nicht stimmen an der Lebensgeschichte der Klara Khalil? Eine Künstlerin, die erkannt hat, dass Werbung die aufrichtigste Form von Kunst und Gesellschaftskritik ist. Weil Werbung als solche kenntlich ist. Anders als zum Beispiel dieses Hörspiel selbst, das unterhaltend ist und informativ, aber eben auch Reklame macht für den kulturellen Anspruch des Senders und das Können der Beteiligten.

Nolte macht diese Biografie scheinbar dingfest, mit Daten und Orten, mit realen Personen, die Einfluss ausgeübt haben auf Khalil. Ein Fiktion ist das alles, die eine Leerstelle in der Realität ausfüllt. Nolte erfindet Klara Khalil, weil es sie geben sollte: eine Frau, die Werbung ganz ehrlich meint. Werbung hat klare Botschaften. In der kapitalistischen Ausprägung sind sie geschönt, verlogen. Setzt man die Mittel aber aufrichtig ein, erreicht Werbung eine Wahrhaftigkeit, an der die Kunst immer vorbeischrammt.

Das ist die philosophische Versuchsanordnung des Hörspiels. Nolte spielt sie elegant durch, baut Widerhaken ein, denen er in der Folge geschickt ausweicht. Mit einer letalen Konsequenz für seine Hauptfigur, die bereits tot ist, als das Experiment beginnt. Das ist die erbarmungslose Realität dieser Erfindung.

 

Ach, naja

Hörspiel: Haben Sie Hitler gesehen?
WDR 3, 7. Mai 2020, 19.04 Uhr.
Im Hörspielspeicher des WDR: Haben Sie Hitler gesehen?

Die Erinnerung ist eine tückische Sache. Oft trügt sie einen. Und genauso oft beschönigt man auch bewusst, was einem widerfahren ist. Der Schriftsteller Walter Kempowski war der große Chronist und Archivar Deutschlands, vor allem der alten, noch nicht wiedervereinigten Bundesrepublik – nachdem er acht Jahre lang in Bautzen wegen angeblicher Spionage inhaftiert war, ging er 1956 in den Westen. Er hat sich zeitlebens dafür interessiert, wie die Menschen ihren Alltag ebenso wie die großen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen wahrnehmen, was sie erinnern, notieren, bewahren. Und er hat dafür literarische Ausdrucksformen gefunden.

Sobald er in Freiheit war, hat der 1929 geborene Kempowski begonnen, zuerst Verwandte und Bekannte, später auch Passanten zu befragen zum Nationalsozialismus, speziell zur Person Hitlers. Damit stand er weitgehend alleine da, mehrheitlich verdrängten die Deutschen in den 1950er-Jahren den Naziterror, wollten nicht darüber sprechen. Ihm ist es aber gelungen, die Menschen zum Reden zu bringen. Und er hat sich entschieden, dass die angemessene literarische Form für diesen Stoff das Hörspiel ist. 1973 hat Susanne Krings „Haben Sie Hitler gesehen?“ für den WDR inszeniert, mit Schauspielern, darunter Ursula Burg, Carla Neizel, Rudolf Jürgen Bartsch und Gerhard Becker, die die von Kempowski zu einem großen gesellschaftlichen Gesang verdichteten Aussagen auf Rollen verteilen.

Es ist spannend zu hören, wie die Menschen durch die späten 1950er- und auch noch die gesamten 1960er-Jahre hindurch sich über den Nationalsozialismus und über Adolf Hitler äußern. Oft ausweichend, häufig verharmlosend, mitunter aber auch überraschend bewundernd. Kempowski kommentiert nicht, schon gar nicht denunziert er. Die Aussagen stehen für sich.

 

Welle Weimar

Hörspiel: Nordlichter
Deutschlandfunk Kultur, 6. Mai 2020, 22.03 Uhr.
Als Stream und Download: Nordlichter

Der Wind pfeift stärker. Die Vögel zwitschern lauter. Oder sind sie nur besser zu hören, der Wind und die Vögel? Weil ein paar andere Geräusche fehlen. Weil die Menschen fehlen.

Anfangs fällt es der Protagonistin in Christina Barons Hörspiel „Nordlichter“ gar nicht auf, dass außer ihr keine Menschen unterwegs sind. Der Einfachheit halber handelt es sich bei dieser Figur um Baron selbst. Wenn nur noch sie da ist, wieso dann ein fiktives Gegenüber erfinden?

Es hat einen Sonnensturm gegeben, heftiger als sonst. Nordlichter, die gewöhnlich nur oberhalb des Polarkreises zu beobachten sind, leuchten nun auch über Weimar. Baron stromert durch die Stadt. Ein bisschen so wie Will Smith im Film „I am Legend“. Nur bekommt sie es nicht mit Zombies zu tun. Das ist einerseits tröstlich, verstrickt sie andererseits jedoch nicht in eine Heldenhandlung.

Baron ist tatsächlich alleine. Sieht man von einer Katze ab, die ihr zuläuft. Da ist lediglich eine Stimme aus der Konserve, die die immer gleiche, längst überholte Katastrophenwarnung absondert. Das kann Christina Baron besser. Sie kann live senden, aus einem Hörfunkstudio. Kann aktuell berichten, unmittelbar. Nur: für wen?

Und so kommt zu der Dystopie eine zweite Geschichte, eine philosophische. Sie ist auf das Medium Radio selbst bezogen, hat jedoch eine allgemeingültige Aussagekraft. Es geht in ihr um die Frage, ob eine Geschichte schon dann eine ist, wenn sie erzählt wird – oder erst dann, wenn sie auch jemand hört.

 

Die Rache der Ahnen

Hörspiel: Sackgasse im Himmel
SWR 2, 5. Mai 2020, 23.03 Uhr.
Als Stream und Download: Sackgasse im Himmel

Die Frage, ob man an Bord von Luftschiffen telefonieren dürfe, hat sich nicht gestellt – so weit war die Übertragungstechnik noch nicht. Gleichwohl handelt Matt Wands Hörspiel „Sackgasse im Himmel“ von technischen Neuerungen und auch von Medien: Luftschiffe selbst übten eine Faszination aus auf die Menschen, und an Bord gibt es bei Wand jeden Abend Kinovorführungen – auch die waren zwischen den beiden Weltkriegen noch angeweht vom Hauch des Modernen.

Gleichzeitig findet an Bord aber auch etwas sehr Obskures statt: Ein Medium, Madam Mertvyeslova, stellt Verbindungen her, wie man sie heute nicht einmal mit dem Smartphone hinbekommt: zu Toten. Was sich vor allem für die Lebendigen in dem Luftschiff mitunter als kompromittierend herausstellt.

Die Hörer treten auch eine Reise an – nicht ins Totenreich, jedoch in eine fremde Vergangenheit. Als das Fliegen noch ein Privileg war, eine Tischtennisplatte in dem Luftschiff eine begeistert aufgenommene Freizeitattraktion und man mit gehobener Hausmannskost den kulinarischen Geschmack der wohlhabenden Passagiere getroffen hat.

Diese Realitäten bekommen bei Matt Wand jedoch einen hübschen Dreh ins Irreale.

 

Metamorphosen einer Siedlung

Hörspiel: Föhrenwald
Bayern 2, 4. Mai, 20.05 Uhr.
Im Hörspielpool des BR: Föhrenwald

Ein Dorf, eine Stadt – das sind nicht in erster Linie die Gebäude und Straßen. Es sind die Menschen, die dort leben. Insofern blickt Waldram, ein Stadtteil von Wolfratshausen, auf eine extrem spannende Geschichte zurück: Gegründet wurde die Siedlung 1937 unter dem Namen Föhrenwald. Bald schon war es ein Lager, in dem der NS-Staat Zwangsarbeiter einquartiert hat. Nach dem Ende des Krieges wurde Föhrenwald umgewidmet zu einem selbstverwalteten Lager für sogenannte Displaced Persons – vor allem überlebende Juden, die auf ihre Ausreise nach Israel oder in die USA warteten. Für etliche klappte das nicht, sie blieben in Deutschland, zogen jedoch allmählich fort aus Föhrenwald. 1957 wurde die kleinhäuslerische Siedlung von der deutschen Verwaltung übernommen, ein regulärer Stadtteil entwickelte sich in der wachsenden Stadt Wolfratshausen.

Michaela Melián erzählt in ihrem Hörspiel „Föhrenwald“ von dieser Geschichte. Es basiert auf Interviews mit und Berichten von ehemaligen Bewohnern, die Melián jedoch neu collagiert und von Schauspielern hat sprechen lassen. Somit sind es extrem sachliche Berichte – die einen sehr klaren Blick erlauben auf die Metamorphosen dieses Ortes und speziell auf die Bedrängnisse der jüdischen Bewohner in der unmittelbaren Nachkriegszeit sowie auf die Furchtsamkeit der wenigen Nichtjuden, die in Föhrenwald Arbeit fanden, etwa als Hebammen.

Die Musik, die Melián gemeinsam mit ihrem F.S.K.-Bandkollegen, dem Schlagzeuger Carl Oesterhelt, dafür komponiert hat, basiert auf Aufnahmen aus den frühen 1930er-Jahren von Schallplattenfirmen, die mit dem jüdischen Kulturbund in Beziehung gestanden sind. 2005 hat „Föhrenwald“ den hierzulande ältesten Hörspielpreis gewonnen, der nach wie vor einer der drei wichtigen ist: den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

 

Ende der Unschuld

Hörspiel: Erinnerung eines Mädchens
SWR 2, 3. Mai 2020, 18.20 Uhr.
Als Stream und Download: Erinnerung eines Mädchens

Annie Ernaux zum Zweiten: Gestern wiederholte der BR das Hörspiel „Die Jahre“ von 2018, eine fiktionalisierte Lebensgeschichte der Autorin. Heute nun läuft als Ursendung das Prequel dazu, wenn man so möchte: „Erinnerung eines Mädchens“.

Ernaux, Jahrgang 1940, schildert darin wieder ihre eigene Geschichte, das heißt: einen kleinen, entscheidenden Ausschnitt daraus. Es geht um die Zeit von 1958 bis 1960. Wobei die Autorin erst einmal ihr Verhältnis zu der anfangs der Erzählung 18-Jährigen klärt: „Das Mädchen auf dem Foto ist eine Fremde, die mir ihre Erinnerungen hinterlassen hat“, heißt es eingangs der Inszenierung von Irene Schuck. „Was habe ich mit dem Mädchen zu tun?“, so die von Hedi Kriegeskotte gespielte Ernaux, und das ist keine Frage, sondern eine Zurückweisung.

Am Ende dieser Geschichte wird Annie Ernaux die junge Frau als einen Teil von sich akzeptieren, wird zu ihr stehen, zu allen Peinlichkeiten, zu ihrer Naivität. Wird sogar ein wenig stolz sein, weil sie kleine Enttäuschungen überwunden hat, was ihr vermutlich noch viel größere erspart hat.

„Erinnerung eines Mädchens“ ist die Erzählung eines Ausbruchs – aus der Familie, aus dem Mädcheninternat, aus ihrem kleinstädtischen, bürgerlichen Milieu und aus der Enge des Katholizismus. Annie jobbt als Aufseherin in einem Feriencamp, was für sie selbst die ersten Ferien sind. Und sie setzt sich in den Kopf, dort eine Liebschaft zu beginnen.

Liebe kennt sie bis dahin nur aus der Literatur. Was sie dann in den Tagen des Feriencamps erlebt, ist jedoch extrem weit entfernt von einer literarischen Romantik. Sie erlebt den rüden Chauvinismus der Männer, rücksichtslosen Sex, bösartige Rivalitäten unter den Frauen. Die „Erinnerung eines Mädchens“ endet dementsprechend nicht mit dem Ende dieser Ferien. Weitere zwei Jahre gehören zu dieser Episode. Erst dann wird Annie Ernaux sie abgeschlossen haben.

Nicht ihre behütete Kindheit und Jugend, sondern diese wenigen Wochen haben sie gelehrt, welche Gesellschaft, welches Leben sie erwarten wird. Und das die Literatur darin nur Halt geben kann, wenn sie von dieser Realität erzählt, nicht von einem Ideal.

 

Eine vorläufige Bilanz

Hörspiel: Die Jahre
Bayern 2, 2. Mai 2020, 15.05 Uhr.

Es ist die Lebensgeschichte der Autorin Annie Ernaux, Jahrgang 1940, die sie in diesem Text literarisiert hat. Eine Reihe von Szenen, aneinandergestellt wie Dominosteine. Kippt der erste, fallen nach und nach auch alle anderen. Die Szenen berühren einander wie die Steine in dem Spiel, aber es ist nicht so, dass aus der einen logisch die nächste hervorgeht. So wie es beim Domino auch keine Rolle spielt, in welcher Reihenfolge man die Steine aufstellt. Die Abstände dürfen nur nicht zu groß sein.

Der Roman „Die Jahre“ war ein später Erfolg für Ernaux in ihrer Heimat Frankreich, die deutsche Übersetzung erregte auch hierzulande Aufmerksamkeit. Luise Voigt hat ihn 2018 fürs Hörspiel bearbeitet und inszeniert, mit prominenter Besetzung: Birte Schnöink, Constanze Becker, Corinna Harfouch und Nicole Heesters spielen die Ich-Erzählerin in verschiedenen Lebensaltern und Gemütsverfassungen.

Die Qualität des Textes und auch der akustischen Adaption ist, dass die Geschichte nicht auf einen Höhepunkt zusteuert, keine dramatischen Wendungen nimmt – und einen doch für sich einnimmt. Andere Existenzen spiegeln sich darin, die der eigenen Eltern zum Beispiel. „Die Jahre“ ist die gekonnte Schilderung eines gewöhnlichen Lebens – in dem dann doch beachtliche Dinge geschehen. Immer wieder kehrt das Hörspiel zum Kern von Ernaux Bilanz zurück: zur Wahrnehmung des eigenen Körpers, zu ihrer Weiblichkeit und Sexualität. Von dort aus entwickelt sich alles andere: ihre Rolle in Beziehungen, in der Familie, in der Gesellschaft.

Die verändert sich im Lauf der Jahre. Wobei es weniger ein aktiver Kampf ist um Emanzipation und Gleichberechtigung, was Annie Ernaux beschreibt, sondern eher ein staunendes Lernen. Und so durchlebt man als Hörer die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf, zehn Minuten für jedes Jahrzehnt. Ohne dass die Autorin durch dieses Leben hetzt. „Die Jahre“ treiben vielmehr dahin wie auf einem gemächlichen Fluss, in dem es manchmal Stromschnellen gibt, und wo hinter mancher Biegung eine neue Landschaft beginnt. Die Mündung kommt nicht in Sicht.

 

Erste und schlimmste Erinnerungen

Feature-Serie: Kinder des Krieges
NDR Info, 1. Mai 2020, 11.05 Uhr. Weitere Teile: 15.05 Uhr und 3.Mai, ebenfalls 11.05 Uhr und 15.05 Uhr. Außerdem: SR 2, 11.04 Uhr sowie 3. und 9. Mai, 9.05 Uhr. HR 2, 1., 3. und 10. Mai, 18.04 Uhr. Bremen Zwei, 2., 16. und 23. Mai, 18 Uhr. SWR 2, 4.-8. Mai, täglich 15.05 Uhr. MDR Kultur und RBB Kultur, 4.-8. Mai, täglich 19.05 Uhr.
In der ARD-Audiothek: Kinder des Krieges

Unschuldig und unbeteiligt, sind etliche Kinder in den Wirren des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Ihre frühesten Erinnerungen sind deshalb oftmals traumatisch: Sie haben Bombenangriffe miterlebt, waren auf der Flucht, Familienangehörige sind gestorben, teilweise vor ihren Augen. Etliche waren auch der Willkür der Besatzungsarmeen ausgeliefert. Einige haben ihre ersten Lebensjahre in einem Konzentrationslager verbringen müssen.

Von dieser Generation sind noch vergleichsweise viele Menschen am Leben, sie sind heute in ihren Achtzigern. In der fünfteiligen Feature-Serie „Kinder des Krieges“ kommen sie zu Wort. Erzählen, was sie wahrgenommen haben, ohne es damals einordnen zu können. Weil sie erst wenige Jahre alt waren, Kleinkinder, teilweise noch nicht einmal im Schulalter. Die nichts anderes kannten als den Krieg, der 1945 zu einer ganz persönlichen Erfahrung geworden ist, zu einer konkreten Bedrohung, die Leid hervorgerufen hat, Ängste und fundamentale Krisen.

Die neun Landesrundfunkanstalten haben sich zu diesem Projekt zusammengeschlossen, immer paarweise, nur der BR verantwortet eine Folge alleine. In dieser Episode berichten drei Menschen, wie sie als Kinder Konzentrationslager überlebt haben. Der Jüngste war sechs Jahre, als er von einem Außenlager des KZ Flossenbürg auf einen Todesmarsch geschickt worden ist. In der Folge von SWR und SR geht es um Evakuierungen, in der von NDR und Radio Bremen um Fluchtgeschichten. In der Episode von MDR und RBB berichten Überlebende, wie ihre Heimat zwischen verschiedene Fronten geraten ist. Und in dem Teil von WDR und HR geht es um das ohnmächtige Warten auf das Kriegsende inmitten der fortschreitenden Zerstörung der Städte.

Einige der Zeitzeugen berichten überraschend abgeklärt. Die Mehrzahl von ihnen wird nach wie vor emotional stark aufgewühlt von den Erinnerungen. Es geht in „Kinder des Krieges“ nicht um Schuldfragen, auch nicht darum, Leiden gegeneinander aufzuwiegen. Es geht anhand einer Reihe von Einzelschicksalen ums Grundsätzliche: um die Grausamkeit des Krieges. Vor allem jenen gegenüber, die sich nicht wehren können und die auch keinen noch so kleinen Beitrag geleistet haben zu der Situation, in die sie geraten sind.

 

Mit vollen Händen

Hörspiel: Geld
Deutschlandfunk, 30. April 2020, 20.10 Uhr.
In der Audiothek des Deutschlandradios: Geld

Auf dem Klavier zu klimpern, das klingt immer ein wenig abwertend. Nach Dilettantismus, bestenfalls nach einer Fingerübung. Aber eben nicht nach: Klavierspielen. Insofern bringt Ulrike Haage dem Klimpern eine neue Wertschätzung entgegen. Die Hörspielmacherin, Komponistin und Klangkünstlerin hat fünf kürzere Texte von Gertrude Stein zum Thema Geld als Basis für eine Sprach- und Klangperformance verwendet.

Zwei Flügel bespielt Haage unter anderem, und man hört auf subtile Weise, in den Obertönen, das Geld klimpern. Haage ist viel zu versiert, um den Sound in eine cartoonfilmhafte Überdeutlichkeit zu treiben. Vielmehr spielt sie mit dem Paradox, dass Geld einerseits etwas konkret Physisches ist, andererseits nur eine Idee, eine Behauptung. Geld kann verschwinden, kann seinen Wert verlieren.

Überhaupt der Wert – und da ist man dann bei Gertrude Steins Texten: Dieselbe Summe kann gering sein, wenn sie einen Lohn bedeutet, und zugleich exorbitant hoch, wenn sie eine erzwungene Ausgabe ist. Der Wert des Geldes bemisst außerdem auch im Auge des Besitzers.

Ulrike Haage windet die Texte der Stein ineinander, die jeder für sich schon eine Verschraubung in sich selbst sind. Das ist das literarische Prinzip Gertrude Steins gewesen: Durch Wiederholung und Loops Bedeutungen zu hinterfragen, in Rätseln und Widersprüchen zu schreiben. Und sich nicht mit dem vermeintlich Offensichtlichen zufrieden zu geben, mit dem Banalen, der einfachsten Antwort.

Die Musikalität des Hörspiels „Geld“ ist bereits im Sprachrhythmus und -duktus der Steinschen Miniaturprosa angelegt. Der setzt Ulrike Haage einige Kontrapunkte entgegen, indem sie Einwürfe anderer Autoren einbaut als Widersprüche, Stolperfallen, als, wenn man so will: kleine akustische Börsencrashs. So entsteht ein vielschichtiges, artifizielles Stück, in dem es um eines allerdings nie geht: um Sparsamkeit.

 

Heldendämmerung

Hörspiel: Nie mehr warten
NDR Kultur, 29. April 2020, 20 Uhr.
In der Hörspielbox des NDR: Nie mehr warten

Russland, 1917. Gleich zwei Revolutionen erschüttern das Land. Die erste stürzt den Zaren. Aber bringt das schon die erhofften Veränderungen? Lenin sagt entschieden: nein. Und kämpft für weitreichende Umwälzungen. Auf die Februar- folgt die Oktoberrevolution, folgt der Sieg des Sozialismus.

Das Hörspiel „Nie mehr warten“ von Dietmar Dath und Thomas Weber ist in dieser Schwebephase angesiedelt. Als noch unklar ist, ob die Revolution siegt oder die Restauration. Drei Stimmen sind zu hören in dem Stück: Eine wirbt für den Umsturz, eine hält dagegen, die dritte ist unentschlossen.

Der Autor Dath und der Musiker Weber machen aus dieser Geschichte ein Konzeptalbum. Eine zentrale Quelle sind Briefe Lenins an seine Geliebte. Auf der narrativen Ebene ist das Hörspiel ein Wortgefecht. Auf der musikalischen ertönt der Kampf, drückt sich die Dynamik der Taten aus. Mal hinken sie den Debatten hinterher, meist aber eilen sie ihnen voraus. Schaffen Fakten, wo Theorien noch nicht ausformuliert sind.

Und subtil spiegelt sich in diesem großen Umsturz auch eine Beziehungskiste.

 

Krisenjahre

Feature: Im Schatten des amerikanischen Traums
Deutschlandfunk Kultur, 28. April 2020, 22.03 Uhr.
In der Audiothek des Deutschlandradios: Im Schatten des amerikanischen Traums


New York in den 1980ern. Ein Virus geht um in der Stadt. Die Auswirkung sind nicht so schnell spürbar wie aktuell bei Covid-19. Aber sie sind ebenfalls verheerend. Das HI-Virus tötet in dieser Zeit viele Menschen in der Stadt. Unter ihnen auch der Künstler David Wojnarowicz. Bekannt nur in alternativen Kreisen und doch fester Bestandteil der Szene.

Das hat sich geändert. Wojnarowicz wird heute von breiteren Kreisen geachtet für seine radikale politische Kunst, die sich gegen den Rassismus in der Gesellschaft gerichtet hat und gegen den Konservatismus der Reagan-Präsidentschaft.

Der Autor und Fotograf David Wojnarowicz hat auch etliche Audiotagebücher hinterlassen. Sie bilden das Fundament von Jean-Claude Kuners spannendem Radiofeature. Das, ausgehend von der Biografie und dem Werk Wojnarowiczs, das New Yorker Künstler- und Intellektuellenmilieu der 1980er beschreibt. Und von dieser Warte auch die Mehrheitsgesellschaft in den Blick nimmt.

 

Birnenkompott

Hörspiel: Bouvard und Pécuchet
MDR Kultur, 27. April 2020, 22 Uhr.

Praktisch veranlagt sind die beiden Männer eher nicht. Was sie jedoch nicht daran hindert, sich in allerhand Dingen zu probieren. Schließlich sind sie klug, belesen. Und wer die Theorie komplett durchdringt, dem kann eine Umsetzung in die Tat keine Schwierigkeit bereiten. Davon sind Bouvard und Pécuchet felsenfest überzeugt.

Und so richten sich die beiden Pariser Büroangestellten dank einer beträchtlichen Erbschaft Bouvards auf dem Land ein – und machen sich in der Normandie sofort an Dingen zu schaffen, von denen sie nichts verstehen. Auch wenn sie vom Gegenteil überzeugt sind.

Die Existenz als Obstbauern macht ein Unwetter zunichte – doch Bouvard und Pécuchet sehen sich auf dem richtigen Weg. Die drei Birnen, die sie ernten, sind wohlschmeckend. Die Männer rechnen aus, wie viel Geld ihnen das Stück in Paris einbrächte. Dass sie real gar keine Ernte haben, ficht sie nicht an.

Aus dieser grotesken Differenz von Selbst- und Weltwahrnehmung entwickelt sich die Komik in Gustave Flauberts Schelmenroman „Bouvard und Pécuchet“. Jörg Jannings hat ihn vor 25 Jahren als Hörspiel adaptiert, mit Ulrich Wildgruber und Hermann Lause in den Titelrollen. Die beiden suhlen sich regelrecht in diesen Rollen, stacheln einander an – so wie die beiden selbsternannten Philosophen sich nicht gegenseitig übertrumpfen, sondern gemeinsam immer tiefer vordringen wollen in allerhand Wissensgebiete, so spielen sich Wildgruber und Lause die Pointen zu. Sie schwärmen und schlaumeiern, giggeln und gackern.

Worauf Bouvard und Pécuchet ihr Interesse auch lenken, ob Archäologie, Grammatik oder Gymnastik – sie bleiben Dilettanten. Und werden der Widrigkeiten ihrer Gedankengänge nicht Herr.

 

Leben im Licht

Feature: Alice B. Toklas – Ein geniales Leben
WDR 3, 26. April, 15.04 Uhr.
Im Feature-Depot des WDR: Alice B. Toklas – Ein geniales Leben
 

Die Frau von … Darauf wird Alice B. Toklas oft reduziert: Auf die Frau im Schatten von Gertrude Stein. In dem Feature der Übersetzerin und Autorin Pociao gibt es die viel schönere Formulierung: Alice B. Toklas war die Frau im Schein von Gertrude Stein.

Denn es ist ja richtig: Ohne die eigenwillige Schriftstellerin wäre die Toklas wohl unscheinbar geblieben. Auch wenn Sie selbst geschrieben hat, wenn sie der Stein eine kluge Lektorin war. Wichtig war sie für ihre Lebensgefährtin vor allem auch im öffentlichen Leben. Alice B. Toklas war die Herrin im Salon der beiden, sie war die komischere, heiterere der beiden Damen.

Der Verdienst von Pociaos Sendung ist, dass sie Alice B. Toklas ins Zentrum stellt, ihr eine Eigenständigkeit als Persönlichkeit zugesteht. Klar, spielt auch Gertrude Stein eine Rolle. Aber eben diesmal nur: die Nebenrolle, die sonst ihrer Gefährtin vorbehalten war.

Pociao findet einen guten Ton: Gewitzt, manchmal auch ein wenig spöttisch berichtet sie von diesem Leben, dass sie als ein geniales bezeichnet. Nimmt die beiden Frauen ernst in ihrer Exzentrik. Und lässt sich begeistern von einer Begeisterungsfähigen.

 

Flanieren in Frankfurt

Hörspiel: Im Dickicht der Einzelheiten
HR 2, 25. April 2020, 23 Uhr.
Als Stream und Download: Im Dickicht der Einzelheiten

Die Vereinzelung ist in diesem Hörmonolog nicht bedingt durch Corona. Der Mann ohne Name ist ein Flaneur, der gerne seiner eigenen Wege geht, ungehindert und frei. Vielleicht auch ein wenig einsam. Er ist ein Schriftsteller, der über das Schreiben spricht und über das zu Beschreibende.

Wilhelm Genazino hat diesen Text geschrieben, kurz vor seinem Tod im Jahr 2018. Über das Unterwegssein in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main. Die Kleinigkeiten des Alltags. Und die Bedingungen von Literatur.

Eine Fingerübung, in der aber noch einmal die Kunst Genazinos aufscheint: das Banale aufzuladen mit Bedeutung, mit Geheimnissen, mit einem Zauber. Matthias Redlhammer spielt den Flaneur, Leonhard Koppelmann hat das kleine Stück inszeniert – ganz, wie es sich anbietet: schlicht und doch bedeutsam.

 

Digitale Dynamik

Krimi: Radio-Tatort – Der menschliche Faktor
RBB Kultur, 24. April 2020, 22.04 Uhr und SWR 2, 22.33 Uhr.
In der ARD-Audiothek: Der menschliche Faktor

Der Krimi von Sabine Stein sticht heraus. Weil er sich einer vermeintlichen Nebensache widmet. Eine alte Kioskbetreiberin stirbt nach einem Raubüberfall. Es gibt eine Zeugin und damit schnell eine Verdächtige. Die Polizei verhaftet sie vor den Augen der kleinstädtischen Öffentlichkeit. Ein erster, ein unverzeihlicher Fehler des ermittelnden Beamten. Die Wut der Bewohner kocht hoch. An den Stammtischen, beim Tratsch in den Läden der Stadt. Vor allem aber in den asozialen Netzwerken.

„Der menschliche Faktor“ handelt davon, was diese Hetze mit der Verdächtigen macht und mit ihren Angehörigen. Er erzählt davon, dass es immer noch sehr viele Menschen gibt, die nicht so recht wissen, welche Dynamiken sich im Digitalen entwickeln können. Auch unter Polizisten. Wie wenig üble Nachrede, Hasstiraden und Hetze im Netz verfolgt werden.

Der zweite Fehler der Polizei ist zu glauben, dass sich das wieder geradebiegen lässt. Aber eine Lawine lässt sich nicht stoppen. Diese begräbt vieles unter sich: Menschen, Freundschaften, ein soziales Gefüge. Ausgelöst wurde sie durch Bedenkenlosigkeit.

 

Wütende Jugend

Hörspiel: Der Tod des James Dean
SWR 2, 23. April, 22.03 Uhr
Als Stream und Download: Der Tod des James Dean

„Die Dichter wissen mehr“, heißt es am Beginn von Alfred Andersch‘ Hörspielklassiker von 1959. Andersch, selbst ein Schriftsteller, hat in seinem wegweisenden Stück über das Aufbegehren der Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg Texte amerikanischer Kollegen montiert zu einem großen Gemälde über die Frustration junger Menschen, für die der Schauspieler James Dean stellvertretend stand – als Person und in seinen Rollen.

Gedichte von Alan Ginsberg, E. E. Cummings, Kenneth Patten und Kenneth Rexroth liegen dem Hörspiel zugrunde, außerdem ein Text von John Dos Passos über Leben und Sterben Deans sowie eine Reportage von Robert Lowry über den Weltmeisterschafts-Boxkampf zwischen den Mittelgewichtlern Sugar Ray Robinson und Jake La Motta.

David gegen Goliath, das ist die Geschichte, die auf mehreren Ebenen erzählt wird. „Die finstere Jugend ist da – in Amerika hat sie bereits zur Sprache gefunden“, diagnostiziert Andersch in „Der Tod des James Dean“. Und blickt voraus, was sich in Deutschland bald darauf formiert und was die Mehrheitsgesellschaft unter dem Begriff „Halbstarke“ abkanzelt. Eine Generation, die an ihrer Ohnmacht verzweifelt und rebelliert.

Im Kino kamen erst die jüngeren Brüder an, als Easy Rider und andere New-Hollywood-Helden. Und es brauchte erst noch den Vietnamkrieg, ehe die reale Gesellschaft aufbegehrt hat gegen das Establishment und seine Traditionen. All das wusste Alfred Andersch nicht, als er „Der Tod des James Dean“ konzipiert hat. Aber die Wucht dessen, was sich da in den USA zusammengebraut hat, hat er in ihrer Dimension richtig erkannt. Und literarisch spannend darauf reagiert – mit dieser Audiomontage.

 

Weichenstellung

Feature: Neues Kursbuch für die Bahn – Über Mobilität und milliardenschwere Investitionen
SWR 2, 22. April 2020, 22.03 Uhr. Weitere Ausstrahlungen: Bayern 2, 25. April, 13.05 Uhr. SR 2, 25. April, 17.04 Uhr. Bremen Zwei, 25. April, 18 Uhr. NDR Info und WDR 5, 26. April, 11.05 Uhr. HR 2, 26. April, 18.04 Uhr.
In der ARD-Audiothek: Neues Kursbuch für die Bahn

Die Bahn ist plötzlich attraktiv geworden, ganz ohne eigenes Zutun: Die „Fridays for Future“-Demonstrationen haben zu einer gesellschaftlichen Debatte geführt, in der es zentral auch um die Umweltschädlichkeit des Fliegens geht. Das und eine Senkung der Mehrwertsteuer auf den verringerten Satz für Fahrkarten haben der Bahn neue Passagiere beschert.

Nur läuft es damit längst noch nicht rund für den Konzern. Wenn deutlich mehr Menschen zukünftig dauerhaft Zug fahren sollen, braucht es mehr Lokomotiven und Waggons, mehr Lokführer, neue Gleise und Weichen. Müssen die Preise für Fahrkarten attraktiver werden. Müssen die Züge pünktlicher ihr Ziel erreichen und dürfen nicht in so hoher Zahl komplett ausfallen.

Egon Koch schildert in „Neues Kursbuch für die Bahn“, dem ARD-Radiofeature dieses Monats, produziert vom Hessischen Rundfunk, die Lage. Sein Verdienst ist es vor allem, dass er eine Debatte sachlich führt, die sonst häufig polemisch abläuft. Das Schimpfen auf die Bahn ist längst schon eine Art Volkssport. Koch schont den Bahn-Konzern ebenfalls nicht. Doch er hält sich an die Fakten. Schildert die Pläne der Bahn und der Politik, die Wünsche der Fahrgäste. Und welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, das alles in Einklang zu bringen.

Das liegt an der Struktur des Bahnkonzerns, in der einzelne Untergesellschaften – es gibt rund 70 davon – aufgrund ihres Profils teilweise gegeneinander arbeiten. Das liegt an den Folgen der jahrelang verfolgten Strategie, die Bahn an die Börse zu bringen. Das liegt an der Politik, die glaubt, erst kämen die vielen neuen Passagiere, und dann sei automatisch genügend Geld da für die notwendigen Investitionen. Koch rechnet unterdessen vor, dass es eine gewaltige Finanzierungslücke gibt. Auch ohne die Auswirkungen der Corona-Krise.

Eines macht Egon Koch aber auch klar: Schimpfen und klagen allein genügt nicht. Wer ein attraktives Bahnangebot möchte, muss die Bahn auch nutzen.

 

Schonungslos

Feature: Requiem für eine Stadt
Deutschlandradio Kultur, 21. April 2020, 22.03 Uhr.
In der Deutschlandradio-Audiothek: Requiem für eine Stadt

New York ist wie wenige andere Städte auf der Welt derzeit bedroht vom Coronavirus. Dass die Stadt sich davon nicht wieder erholen sollte, kann und mag man sich nicht vorstellen. Auch, weil sie es schon so oft geschafft hat, sich wieder zu aufzurappeln, nach schweren Krisen.

Die 1960er- und 1970er-Jahren etwa waren keine rosigen Zeiten für New York. Der gnadenloseste Chronist dieser Phase war der Schriftsteller Hubert Selby. In seinem Roman „Letzte Ausfahrt Brooklyn“, erschienen 1964, beschreibt er die Eruptionen von Gewalt, die tiefe soziale Kluft und sexuelle Zügellosigkeit in dem New Yorker Stadtteil. Selbys Werke, darunter „Requiem für einen Traum“ und „Lied vom stillen Schnee“, sind schonungslos, obszön und dadurch immer wieder schockierend.

Die Tragik des Autors ist, dass er in denselben Teufelskreis von Alkohol und Drogen geraten ist wie viele seiner Figuren, die keinen amerikanischen Traum, sondern einen amerikanischen Albtraum leben. Tabea Soergel und Martin Becker stromern in ihrem Feature „Requiem für eine Stadt“ von 2015 durch New York, speziell Brooklyn, um herauszufinden, wie viel Gültigkeit Hubert Selbys scharfe gesellschaftliche Analysen heute noch besitzen. Dabei kommt man als Hörer auch Selby näher, der eher zu den vergessenen Renegaten der amerikanischen Literatur gehört.

 

Wahn und Wahrhaftigkeit

Hörspiel: Stadt aus Glas
WDR 3, 20. April 2020, 19.04 Uhr. Die weiteren Teile am 21., 22. und 23. April.
Im Hörspielspeicher des WDR: Stadt aus Glas

Wir sind in New York. In den Straßen, den Bars, den Wohnungen der Stadt. Der Regisseur Alfred Behrens hat 1997 in seiner Hörspiel-Adaption von Paul Austers „Stadt aus Glas“, die nun einmal wieder gesendet wird, viel Wert darauf gelegt, den Sound New Yorks hörbar zu machen, die Stadt akustisch sehr realistisch darzustellen. Kein Zweifel soll aufkommen, wo man sich befindet.

Die Stadt selbst wird sich als das einzig greifbare erweisen. „Stadt aus Glas“ heißt Austers Roman, aber durchsichtig ist hier nichts. Die Dinge liegen keineswegs offen zutage, vielmehr bricht sich die Realität in tausenden Spiegelungen.

Vordergründung ist die Geschichte ein Krimi. Im Zentrum steht der Autor Daniel Quinn, der sich des Pseudonyms William Wilson bedient und einen Privatdetektiv Max Work als Helden seiner Geschichte hat. Diese drei Figuren fließen ineinander. Und Quinn seinerseits wird behelligt von einem Mann, der sich Peter Stillman nennt, jedoch betont, das sei nicht sein richtiger Name – und darauf beharrt, dass es sich bei Quinn um Paul Auster handele.

Ein Spiel um Identitäten, um Wahn und Wahrhaftigkeit. Um eine Stadt, die sich ständig neu erfindet – was nur geht, wenn die Bewohner dasselbe tun. Und ist nicht die Geräusch gewordene Stadt in diesem Hörspiel auch nur eine Schimäre?

 

Hitchcock und das Mixturtrautonium

Hörspiel: „Die Vögel nach Oskar Sala“
Bayern 2, 19. April 2020, 15.05 Uhr.

Die Vögel waren ein Problem für Alfred Hitchcock, schon allein, weil sie sich nicht so schurigeln lassen wie Schauspieler. Aber sie ins rechte Bild zu setzen, das würde er schon hinkriegen, zusammen mit dem Kameramann Robert Burks. Ein anderes Kaliber war der Ton. Hitchcock konnte keine natürlichen Vogelgeräusche verwenden, weil er ja keine gewöhnlich zwitschernden Vögel zeigen wollte in seinem Horrorfilm. Die Akustik musste ausdrücken, dass diese Tiere abartig sind.

Auch das ist ihm gelungen – weil er den richtigen Mann gefunden hat für diese Aufgabe: Oskar Sala. Sala hat ein Instrument entwickelt, das Mixturtrautonium; er war der Einzige, der es bedienen konnte. Damit erzeugte er elektronische Geräusche, auf dem Gebiet war er ein Pionier. Nicht ohne Stolz hat er angemerkt, dass erst diese Akustik die Hitchcock’sche Szenerie umgeschmolzen habe „in etwas sehr Gefährliches, sehr Drohendes“.

Im Deutschen Museum in München lagern mehr als 1800 Tonbänder mit Salas Klängen. Dieses Material haben Andreas Ammer und der Musiker Console zur Grundlage ihres Hörspiels „Die Vögel nach Oskar Sala“ gemacht. Es betont die Montage des Filmemachens und ist gleichermaßen eine Hommage an den Klangtüftler wie an den Kinoklassiker, der über Salas Tonspur kunstvoll nacherzählt wird – nicht unbedingt seiner Handlung nach, sondern atmosphärisch.

Es sind tatsächlich grässliche, schrille, mörderische Schreie, die Sala seinem Mixturtrautonium abgerungen hat; und wenn Tippi Hedren dann auch noch jammert, wie sie sich gleichermaßen vor den Krähen und vor Hitchcock gefürchtet hat bei den Dreharbeiten, ist der Grusel wieder da. Hitchcock hatte vollkommen recht: Für „Die Vögel“ würden nicht die Bilder entscheidend sein.

 

Der Sprung

Hörspiel: türken, feuer
WDR 3, 18. April 2020, 19.04 Uhr.
Im Hörspielspeicher des WDR: türken, feuer

Ein Fanal. Der Beweis, dass sich etwas fundamental geändert hat in der soeben wiedervereinigten Bundesrepublik: Am 29. Mai 1993 wurden bei einem fremdenfeindlichen Brandanschlag in Solingen fünf Menschen getötet. Fünf Menschen mit türkischen Wurzeln.

Özlem Özgül Dündar gibt in ihrem Hörspiel „türken, feuer“ den Opfern Stimmen, toten wie überlebenden. Darunter ist auch die Mutter von einem der Täter. Obwohl sie leugnet, nur auf sich und ihren Sohn blickt, ist auch sie ein Opfer des Anschlags.

Im Zentrum steht eine Mutter, die aus dem Fenster gesprungen ist, ihr Baby im Arm. Sie ist auf dem Rücken aufgeschlagen, um das Kind zu schützen – es hat tatsächlich überlebt, die Mutter nicht. Özlem Özgül Dündar kann sich diesen Sprung nicht anders vorstellen als eine bewusste Entscheidung, das eigene Leben zu opfern, um das Kind zu retten.

Wie in Zeitlupe sieht man die Frau fallen, immer wieder. Und die Autorin spart auch nicht mit Details. Es geht ihr nicht um eine Nacherzählung der historischen Ereignisse, um eine Anklage, um den Rechtextremismus in Deutschland.

Sie erzählt, wie eine Gruppe Menschen von einem Augenblick auf den nächsten alles verliert – das Haus, Freunde und Verwandte, das eigene Leben. Das Gefühl von Sicherheit und jegliches Vertrauen. Und wie es ist, wenn der Tod so brutal und so mannigfach präsent ist. Diese Geschichte auszuhalten ist viel verlangt – und doch das mindeste, was man diesen Menschen entgegenbringen kann.

 

Obszön, toxisch, wahnwitzig

Hörspiel: Die Enden der Parabel
SWR 2, 17. April 2020, 20 Uhr. Teil 2 am 18. April, ebenfalls 20 Uhr.
Auf der Website des SWR: Die Enden der Parabel

Der Regisseur Klaus Buhlert hat drei Viertel aller Figuren rausgeschmissen aus der Geschichte. Bleiben immer noch 99 Rollen. Er hat die 1200 Seiten des Romans „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon radikal eingestrichen. Seine Hörspielfassung ist dennoch 14 Stunden lang.

Ein gigantisches, ein waghalsiges Projekt. Wegen der Dimension und wegen der Komplexität der Geschichte. „Die Enden der Parabel“ zählt unter die vermeintlich unlesbaren Romane, ein Meilenstein der postmodernen Literatur. Jeder neue Komplex in dem Buch gibt neue Rätsel auf. Manche kann man knacken. Viele nicht, einige davon vielleicht bei einem dritten oder fünften Hören. Das Projekt ist auch ein Coup: Erstmals hat Thomas Pynchon die Rechte freigegeben, die Inszenierung von SWR und Deutschlandfunk ist das weltweit erste Pynchon-Hörspiel.

Bei aller Überforderung ist es ein Vergnügen, in diesen Kosmos einzutauchen. Wenn man bereit ist, sich fallen, treiben und verstören zu lassen. Der Grundzustand vieler Figuren ist der Drogenrausch. Das hat Konsequenzen für die innere Logik. Der Roman spielt in den Monaten vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Pynchon zeigt an dieser Extremsituation das Dilemma des Menschen im 20. Jahrhundert, an dem sich bis heute nichts verändert hat: Die Welt ist so komplex geworden, dass der Zusammenhang von Ursache und Wirkung nicht mehr zu erkennen ist für den Einzelnen.

Ein Hauptstrang ist die Suche nach dem Urmodell der V 2-Rakete, mit der Nazi-Deutschland London beschossen hat. Eine Suche nach dem Ursprung. Sie bleibt vergeblich. Und jeder, der darin involviert ist, nimmt Schaden. Vor allem geistig.

Das Hörspiel ist brutal, obszön, toxisch. Es ist anregend, fesselnd, süchtigmachend. Es ist bevölkert von bizarren Figuren, und es versammelt großartige Schauspieler: Golo Euler, Frank Pätzold, Felix Goeser, Corinna Harfouch, Bibiana Beglau, Christiane Roßbach, Jens Harzer, Thomas Thieme, Lars Rudolph, Max von Pufendorf, Wolfram Koch, Natali Seelig, Manfred Zapatka, Peter Kurth, Stefan Wilkening, Martin Engler, Dimitrij Schaad …

Das Beste an „Die Enden der Parabel“, auch in dieser Hörspielfassung, ist: die großartige Komik.

 

Countdown

Werkstattbericht: Jenseits der Null. Das Hörspielprojekt Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel / Gravity’s Rainbow
SWR 2, 16. April 2020, 22.03 Uhr.
Als Stream und Download: Jenseits der Null

Ein wahnwitziges Unterfangen: Der Regisseur Klaus Buhlert hat Thomas Pynchons monströsen Roman „Die Enden der Parabel“ als 14-stündiges Hörspiel inszeniert. Am 17. und 18. April sendet SWR 2 die Produktion an zwei langen Abenden, der Deutschlandfunk folgt am 18. April.

„Die Enden der Parabel“ zählt unter die großen vermeintlich unlesbaren Romane: eine überbordende Geschichte über die Überforderung des modernen Menschen, der in der komplexen Welt Ursache und Wirkung nicht mehr in ein Verhältnis setzen kann. Er spielt kurz vor und kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Grundzustand ist der Drogenrausch.

Ulrich Sonnenschein möchte in seinem Werkstattbericht Lust machen: auf Pynchon, den Roman und natürlich vor allem das Hörspiel. Er erklärt ein bisschen von dem, was die Hörer*innen erwartet. Sowie sich das erklären lässt. Bereitet einen vor auf das, was einen dann doch mit voller Wucht treffen wird, wenn man sich darauf einlässt.

Man kann „Die Enden der Parabel“ natürlich auch ohne diese Einleitung hören. Auch sie kann in das Geheimnis dieses Werkes nicht wirklich eindringen. Ist aber: eine Ermutigung.

 

Bittere Wahrheit

Feature: Lady Day – Das Leben der Billie Holiday
MDR Kultur und RBB Kultur, 15. April 2020, 22 Uhr.
Als Stream und Download: Lady Day

Die Wahrheit? Welchen Wert hat die Wahrheit in einer Lebensgeschichte, in der es so viele Facetten gibt, die sich heftig wiedersprechen? Kann und soll das der Anspruch eines Radiofeatures sein, „die Wahrheit“ herauszufinden – über die Jazzsängerin Billie Holiday, die sich ihre Biografie zurechterfunden hat?

Das Entscheidende ist vielmehr, die vielen Fiktionen darzustellen. Die Kunstfigur Holiday zu erklären, ihre Brüche und Abgründe. Grace Yoon und Alfred Koch wühlen sich hinein in dieses Leben, in diese Bühnenfigur, die manchmal den Vorhang beiseite zieht, um doch einmal den Blick freizugeben auf einen kleinen Ausschnitt der Privatperson.

Spannender als das Geheimnis hinter der öffentlichen Person Billie Holiday ist, was die Karriere dieser komplizierten, geschändeten, leidenden Sängerin über die amerikanische Gesellschaft erzählt in den 1930er-, 1940er-, 1950er-Jahren.

1959 ist Billie Holiday tot, mit Mitte 40, gestorben an einer Leberzirrhose aufgrund ihrer Trunksucht. Am Totenbett standen Polizisten, die sie verhaften wollten wegen Drogenbesitzes. Diese Lebensgeschichte, die Yoon und Koch erzählen, ist ein immerwährender Kampf um Würde. Das hört man in vielen der Songs, die Holiday aufgenommen hat. Ein bitteres Fazit: Billie Holiday ist eine der größten Jazzsängerinnen der Geschichte geworden, weil sie zur Rebellion gezwungen worden ist. Weil sie lange genug die Kraft hatte, daran nicht zugrunde zu gehen – und doch früh kapitulieren musste.

 

Gier

Hörspiel: Die Van Berg Konstante
WDR 3, 14. April 2020, 19.04 Uhr. Teile 2 und 3 am 15. und 16. April, jeweils 19.04 Uhr.
Im Hörspielspeicher des WDR: Die Van Berg Konstante

Da wird dieser Mann endlich gefunden. Und ist prompt wieder weg. Im Grunde hat Van Berg nämlich nur eine Szene in dem Hörspiel-Dreiteiler „Die Van Berg Konstante“ von Marie-Luise Goerke und Matthias Pusch, die sich als Autorenduo Serotonin nennen: eine Beinahe-Bettszene. Denn die Polizei kommt schneller. Von da an ist Van Berg wieder nur Objekt. Oder sogar bloß eine Idee – das ist in dieser Geschichte die eigentliche Konstante.

Sie beginnt völlig unglaubwürdig, denn Van Berg ist ein deutscher Forscher, der im 19. Jahrhundert auf einer Ballonfahrt in die Polarregion verschollen ist. Sein vermeintlicher Leichnam wird nun auf der Zunge eines Gletschers auf Spitzbergen gefunden. Doch Van Berg lebt, entwischt aus der Pathologie – und wird von einer Frau, die ihn in der Dunkelheit aufliest, als der genommen, der er ist: Ein Mann, der sich nach Wärme sehnt und der Fragen stellen kann, anstatt selbst mit Fragen bombardiert zu werden. Nur in dieser halben Nacht wird er zu einem Individuum, zu einem Menschen.

Davor war er ein Vergessener, jetzt ist er ein Phänomen. Serotonin spielen in dem Hörspiel die Maschinerie durch: Politik, Presse und die sozialen Netzwerke drehen durch. Das Forschungsinstitut, dessen Mitarbeiter Van Berg entdeckt haben, gieren nach Publicity und überlassen in diesem Punkt auch nichts dem Zufall. Die Verfechter der Kryonik, die daran glauben, dass es irgendwann möglich sein wird, tiefgefrorene Lebewesen nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten wiederzuerwecken, verbuchen Van Bergs Geschichte als ersten Beleg für ihre Theorie.

„Die Van Berg Konstante“ treibt das Spiel auf die Spitze, indem selbst diese sensationelle Geschichte nach dem ersten Hype um Aufmerksamkeit buhlen muss. Und sich selbst nur drei halbstündige Folgen gönnt.

 

Die Gabe zum Träumen

Hörspiel: Taperecordings eines metaphysischen Regisseurs
Bremen Zwei, 13. April 2020, 18.05 Uhr.

„Zwei Dinge nur gab mir das Schicksal: ein paar Kontenbücher – und die Gabe zum Träumen“, schreibt Fernando Pessoa. Der portugiesische Literat hat in seinen Texten die eigene Person in mehrere Figuren aufgespalten. Die schickt der Hörspielregisseur Kai Grehn 85 Jahre nach Pessoas Tod nun los zum Traumwandeln, durch die Straßen und Gassen Lissabons.

In „Taperecordings eines metaphysischen Regisseurs“ inszeniert er Pessoas Kurztexte als Sprachnachrichten, mit Robert Gwisdeks Stimme, die gleichzeitig klar und traumtrunken klingt. Und eingebettet in den Sound der heutigen Stadt, vor dem Stillstand des öffentlichen Lebens: das Klappern in Cafés, das Kreischen der Straßenbahnen, Regen – vertraute Geräusche des Alltags, die derzeit fehlen, in Lissabon und anderswo. Doch dabei belässt Grehn es nicht, viele Geräusche verfremdet er. Klänge eines Gottesdienstes wehen heran, Kindertrubel, beinahe gespenstisch verzerrt. Hinzu kommen elektronische Kompositionen, mit denen Grehn die Imaginationskraft des Fantasten Pessoa ins Akustische überträgt.

Der ist ein Autor der Stunde, denn er setzt seine Welt weniger aus Realitäten zusammen als aus Erinnerungen und Einbildungen. Eine Bordüre auf einem Kleid genügt ihm, um sich in das Leben der Näherin zu versenken. „Ich bin eine Figur aus einem noch zu schreibenden Roman“, heißt es einmal. Poetischer und trotzdem hellsichtig kann man im Geiste kaum durch eine Stadt flanieren.

 

Lange Schatten

Hörspiel: Licht im August
SWR 2, 12. April 2020, 18.20 Uhr. Die weiteren Teile am 13., 19., 26. April sowie 1. Mai 2020, jeweils 18.20 Uhr.
Als Stream auf der SWR-Homepage: Licht im August

Allen Menschen in diesem vielschichtigen, brachialen Roman von William Faulkner fehlt etwas entscheidendes: entweder eine Zukunft oder die Vergangenheit, entweder das eigene Selbst oder die Fähigkeit zum Mitgefühl. Manchmal auch mehreres auf einmal. „Licht im August“ wirft insofern viele Schatten.

Der Regisseur Walter Adler, erfahren in der Umsetzung wuchtiger Stoffe, hat „Licht im August“ für den SWR als Hörspiel inszeniert. Die fünf Folgen tauchen tief ein in die verstörende Welt, als die der Literatur-Nobelpreisträger Faulkner die amerikanischen Südstaaten durchweg darstellt. Dieser Roman erzählt von den 1930er-Jahren in Alabama und Tennessee, das zentrale Thema ist – neben der inneren Orientierungslosigkeit – der Rassenhass.

Die wichtigste Figur ist Joe Christmas, der nichts über seine Herkunft weiß und über den gemutmaßt wird, er habe – so drückt auch er selbst es aus – „Niggerblut“ in den Adern. Ob das stimmt, lässt Faulkner offen. Christmas lebt diesen Mangel an Zugehörigkeit, der ihm von klein auf regelmäßig vor Augen geführt wird, selbstzerstörerisch aus: Unter Weißen gibt er den Schwarzen und umgekehrt. Er ist fähig zu lieben, kann aber auch töten, wenn er begehrt. Tom Schilling spielt diese zerrissene Figur mit der notwendigen Wandlungsfähigkeit, ohne ins Beliebige abzudriften.

Das ist die Herausforderung: Mittels Rückblenden und Vorgriffen, Perspektivwechseln und Bewusstseinsströmen mäandert „Licht im August“ durch dieses Milieu, Lebenslinien gehen zwischenzeitlich verloren und tauchen in neuen Kontexten wieder auf. Eine ganze Reihe Nebenfiguren sind auch in dieser Radioversion stark ausgestaltet. Diese beabsichtigten Irritationen beizubehalten, ohne die Stringenz und Nachvollziehbarkeit der Erzählung letztlich zu gefährden, gelingt Walter Adler und seinem prominenten Ensemble – Ulrich Matthes spricht den Erzähler, Hans-Michael Rehberg und Angela Winkler spielen Christmas’ Großeltern, Yohanna Schwertfeger den Gegenentwurf zu Christmas: die ledig schwangere Lena Grove, die an das Gute glaubt und danach sucht.

Grove ist bedauernswert – wie fast alle Figuren, auch jene, die Abscheu erwecken: Sie sind Opfer ihrer Zeit und können sich daraus kaum befreien.

 

 

Die Sinnlichkeit der Maschinen

Hörspiel: Tell me something good, Stockhausen!
Deutschlandfunk, 11. April 2020, 20.05 Uhr.
Als Stream und Download: Tell me something good, Stockhausen!

Christian Wittmann und Georg Zeitblom sind die Surfer-Boys des Hörspiels. Der Schauspieler-Regisseur und der Bassist-Komponist schaffen in ihren Stücken stets einen elektronischen Sound, auf dem man wunderbar gleiten, den man herrlich reiten kann als Hörer. Und immer wieder wagt man sich weit weg vom sicheren Strand, hinaus in unbekannte Areale, wo es Riffe knapp unterhalb der Oberfläche gibt und einen auch mal Unterströmungen erfassen. Genau dorthin wollen wittmann / zeitblom, wie sich die beiden als Duo nennen, ihr Publikum bugsieren: wo es unwägbar wird und herausfordernd.

Das ist ihnen zuletzt mit ihrem Bauhaus-Hörspiel „Audio. Space. Machine“ hervorragend geglückt, und es gelingt ihnen nun wieder mit ihrer neuen Produktion „Tell me something good, Stockhausen!“, Untertitel: „Digitale Gesänge“. Hier wie dort bekommen wir es mit erstaunlich sinnlichen Maschinen zu tun, in die alles Humanoide aufgeht. Ausgangspunkt ist dieses Mal der „Gesang der Jünglinge“ des Avantgarde-Komponisten Karlheinz Stockhausen. Der, unfähig, klein zu denken, hat 1956 ein Werk geschaffen für eine Fünf-Kanal-Technik - zu einer Zeit, als sich im Hörfunk und in der Schallplattenproduktion noch nicht einmal das Stereoverfahren durchgesetzt hatte. Inhaltlich ging es Stockhausen um die Verschmelzung von Kreatur und Elektronik.

Hier haken Wittmann und Zeitblom ein, mit den zeitgemäßen Möglichkeiten des Raumklangs. Wer „Tell me something good, Stockhausen!“ mit Kopfhörern hört, hat ein dreidimensionales akustisches Erlebnis. Und kann – beziehungsweise muss – sich auch inhaltlich-intellektuell in alle Richtungen orientieren. Wie eine der zitat- und anspielungsreichen Textflächen Elfriede Jelineks breitet sich eine aus vielen Quellen gespeiste Geschichte aus über eine datengetriebene Wahrnehmung von Welt, die die empathisch-menschliche ablöst – jene gerne auch schizophrene, unstete und postfaktische Auseinandersetzung mit der Realität. Das, was man einmal freies Denken genannt hat.

 

Perspektivwechsel

Hörspiel: Ein paar Dutzend Worte
Deutschlandfunk, 10. April 2020, 11.05 Uhr.
Als Stream und Download: Ein paar Dutzend Worte

Über die Wochen kurz vor und kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es etliche Berichte – dokumentarische wie fiktionale. Und doch ist längst nicht alles erzählt, wird man immer aufs Neue überrascht. So wie von dem dokumentarischen Hörspiel „Ein paar Dutzend Worte“. Weil es von dieser Zeit erzählt aus weißrussischer Perspektive.

Das Hörspiel basiert auf Texten der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus ihrem Buch „Die letzten Zeugen“. Dafür hat Alexijewitsch Erwachsene nach ihren Kindheitserinnerungen befragt über die Zeit des Naziterrors, in der die Wehrmacht brutale Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen hat. Zu Sowjetzeiten lag Weißrussland – oder Belarus – am Rand des Riesenreiches, heute ist es zu sehr isoliert, um von Westeuropa tatsächlich wahrgenommen zu werden.

 „Ein paar Dutzend Worte“ erzählt jedoch nicht nur eine Geschichte aus der Vergangenheit, das Hörspiel verrät auch einiges über die Gegenwart. Der Stoff ist auch auf der Bühne inszeniert worden, in Zusammenarbeit mit dem Theater im Bauturm in Köln und dem Kryly Khalopa Theater in Brest. Der Hörspiel-Regisseur Jochen Langner hat also nicht nur Swetlana Alexijewitschs Texte inszeniert, sondern er reflektiert auch die Theaterreise, die die Schauspieler von Deutschland nach Weißrussland geführt hat. „Ein paar Dutzend Worte“ dokumentiert in dieser Annäherung auch eine große Entfremdung – politisch und kulturell. Zwischen Deutschland und Weißrussland liegen Welten, obwohl die geografische Distanz gar nicht einmal so groß ist.

Spannend ist an „Ein paar Dutzend Worte“ auch, dass die fünf Schauspieler*innen ihren eigenen Background einfließen lassen. Vika Biran, Noureddine Chamari, Terja Diava, Diana Fleyer und Mark Zak haben weißrussische, tunesische, kongolesische, deutsche und ukrainische Wurzeln. Sie schauen sehr unterschiedlich auf diese konkreten historischen Ereignisse, weil sie ihnen trotz des grundsätzlichen Schreckens verschieden nahe sind. Für deutsche Hörer ist es, wie der Untertitel sagt, eine „Reise in einen fast vergessenen Krieg“.

 

Die Welt als Albtraum

Hörspiel: Pirate Prentice‘ Paranoia
SWR 2, 9. April 2020, 22.03 Uhr.
Als Stream und Download: Pirate Prentice' Paranoia

Mit einer Explosion beginnen und dann langsam steigern – die alte Hollywood-Action-Regel. Oder mit einem Albtraum – und die Geschichte dann immer unheimlicher werden lassen. So hat es Thomas Pynchon gemacht in seinem Roman „Die Enden der Parabel“ von 1973. Und so macht es Klaus Buhlert in seiner fulminanten Hörspiel-Adaption dieser verrückten postmodernen Monstrosität.

Ehe die 14-stündige Radioinszenierung von „Die Enden der Parabel“ am 17. und 18. April ausgestrahlt wird, ist jetzt schon eine Andeutung dessen zu hören, was da auf das Publikum zukommt. Buhlert hat den Auftakt des Romans ausgekoppelt zu einem eigenen Hörspiel: „Pirate Prentice’s Paranoia“. Prentice ist eine der Hauptfiguren des Romans, ein englischer Geheimagent. Er erwacht aus einem Albtraum, in dem er die Zerstörung Londons durch eine deutsche V2-Rakete durchlitten hat.

Buhlert verwebt Pynchons Text mit der ersten von Rilkes „Duineser Elegien“: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“, heißt es darin. Franz Pätzold und Felix Goeser sind zu hören, die in den „Enden der Parabel“ den Erzähler beziehungsweise Pirat Prentice sprechen, zwei irrlichternde Stimme. Man sollte „Pirate Prentice’s Paranoia“, des Raumklanges wegen, unbedingt mit Kopfhörern hören. Dann steht man mitten in Prentice‘ Albtraumwelt – auch dank des sehr klugen Einsatzes von Musik und Sound. Dieses einstündige Stück ist dynamischer, aufgekratzter, überschäumender als das große Werk, das darauffolgt. „Die Enden der Parabel“ braucht einen längeren Atem, eine größere Gelassenheit, eine erschütternde Gravität.

„Pirate Prentice’s Paranoia“ ist Pynchon als Rave. Und nicht weniger ein Meisterwerk als Hörspiel-Inszenierung von „Die Enden der Parabel.“

 

Das Bauernopfer

Hörspiel: Das Evangelium nach Jesus Christus
NDR Kultur, 8. April, 20 Uhr. Teil 2 am 15. April.
In der Hörspiel-Box des NDR: Das Evangelium nach Jesus Christus

Nicht alles geht mit natürlichen Dingen zu in diesem Hörspiel: Gott greift ein, auch der Gottseibeiuns, dazu Engelsvolk. Aber die allgewaltigen Beherrscher der Szenerie sind sie wiederum auch nicht. In Wahrheit gibt es auch Dinge, die Gott nicht versteht, obwohl er sie erschuf – das weiß der Erzähler im  „Evangelium nach Jesus Christus“ zu berichten. Unter diese Dinge mag auch Jesu Zeugung fallen, die José Saramago als herkömmlichen Geschlechtsakt beschreibt zwischen dem Zimmermann Josef und Maria, seiner 16-jährigen Gattin.

Hans Gerd Krogmann hat den Roman des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers als Hörspiel in zwei 90-minütigen Teilen inszeniert. Als wäre das gesamte Leben Christi eine Passionsgeschichte, folgt Krogmann der Struktur eines Stationendramas. Das fünfte Evangelium, wenn man den Roman so nennen möchte, kommt als eines aus erster Hand daher: Krogmann hat die Szenen dialogisch aufgelöst; Jesu Werden und Wirken wird hier nicht nacherzählt, sondern miterlebt.

Die Geschichte verschiebt allerdings maßgeblich die Funktion des Religionsstifters. Nicht die Menschheit zu erretten, ist die Aufgabe von Jesus Christus. Gott setzt ihn vielmehr als Bauernopfer ein, hat ihn von vorne herein als Märtyrer ausersehen. Nur so, glaubt Gott, könne er seine Machtstellung bewahren angesichts eines Volkes, das just dies kaum noch tut: glauben.

„Das Evangelium nach Jesus Christus“ ist insofern nicht ketzerisch, als Krogmann, darin Saramago folgend, religiöse Identifikation ernst nimmt. Sonst würde das Märtyrerkonzept gar nicht aufgehen. Das religionskritische Evangelium steht sogar im Gegensatz zum agnostischen Ansatz, der die rationale Erkenntnis des Göttlichen leugnet. Saramago mag nur nicht daran glauben, dass Gott alles Menschliche fremd ist, wo er doch von Menschen erschaffen ist.

 

Flüstern der Photonen

Klangkunst: Vom Rohen und Gekochten
SWR 2, 7. April 2020, 23.03 Uhr.
Als Stream und Download: Vom Rohen und Gekochten

Ob etwa fest ist, flüssig oder gasförmig, hängt von der Beschaffenheit des Stoffes ab – und von seiner Temperatur. Den Aggregatszustand kann man sehen, man kann ihn unter Umständen fühlen, sofern die Temperatur des Stoffes den eigenen Körper nicht verletzt.

Aber hören? Jan Jelinek wagt sich in seinem Klangkunststück „Vom Rohen und Gekochten“ an diese Transformation. Den Überbau der Radiokomposition kann man kaum enträtseln, selbst dann nicht, wenn man ihn kennt: Jelinek beobachtet das Künstlerpaar Thomas und Renée Rapedius bei der Arbeit an ihren Metall- und Papierobjekten und den Fotografen Peter Ganser bei einer Teezeremonie, so heißt es im Begleittext.

Egal. Viel wichtiger ist, was sich intuitiv erschließt. Und das ist eine Menge. Jan Jelinek macht Stoffe hörbar, wobei er nicht naturalistisch wiedergibt, wie Holz verbrennt, Glas splittert, Papier flattert. Mitunter erkennt man den Ursprung eines Geräusches, eines Sounds. Jelinek verfremdet seine Aufnahmen jedoch immer wieder soweit, dass sie sich vom konkreten Gegenstand lösen und einen abstrakten Eindruck vermitteln von der Wandlungsfähigkeit toter Materie – von ihrem Innenleben. Dem Meckern der Moleküle, dem Atmen der Atome, dem Flüstern der Photonen.

Ihm gelingt, dass „Vom Rohen und Gekochten“ nicht ins Esoterische abgleitet. Sondern eine konzentrierte und präzise, aufgrund ihrer Rätselhaftigkeit die Fantasie beflügelnde Klangkomposition ist.

 

Opfer der Oper

Hörspiel: Pamelas Potentiale – Zauber, Flöte, Deluxe
WDR 3, 6. April 2020, 19.04 Uhr. Teil 2 am 7. April 2020, 19.04 Uhr.
Im Hörspielspeicher des WDR: Pamelas Potentiale – Zauber, Flöte, Deluxe

Manche Träume sind zu groß für die Realität. Sich das einzugestehen ist schmerzhaft. Zumal, wenn man einen Tag zuvor 28 Jahre alt geworden sind. Andere waren in dem Alter schon tot – und zuvor weltberühmt geworden: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, Brian Jones, Amy Whinehouse, Georg Trakl, Jean-Michel Basquiat …

Und Pamela? Sitzt zuhause, die beste Freundin ist ihre Zimmerpflanze. Die hat naturgemäß auch noch nicht viel von der Welt gesehen. So wie Pamela. Die träumt davon, ein Opernstar zu werden. Sie lebt ganz in der Welt dieser hanebüchenen Geschichten, dieser Beziehungen, für die es in der Realität des 21. Jahrhunderts keine Entsprechung gibt.

Aber dann geschieht in dem zweiteiligen Hörspiel „Pamelas Potentiale – Zauber, Flöte, Deluxe“ von Pauline Jacob, Isabel Mehl und Georg Conrad ein Wunder. Der Traum wird wahr! Durch einen schmutzigen Trick. Und was, bitteschön, ist das für ein Traum? Applaus, ja. Aber sonst: keine Gage, künstlerische Wurstigkeit, Morgen schon  wieder vergessen.

Das Hörspiel kommt ziemlich sanft daher. Das Fazit aber ist entschieden: Sperrt die Opernhäuser zu und kümmert euch stattdessen in der Kunst um die relevanten Themen! Und hört auf, Künstler wie Zimmerpflanzen zu behandeln!

 

Von Menschen und Mufflons

Wenn die Welle kommt
SR 2, 5. April 2020, 17.04 Uhr.
Als Stream auf der SR-Website: Wenn die Welle kommt

Friedhelm Ptok hat in seinem langen Schauspielerleben schon sehr viele Rollen gespielt. Die eines Mufflons nun aber wahrscheinlich zum ersten Mal. Der 86-Jährige ist im Hörspiel ein unverzichtbarer Nebendarsteller, ein Mann für kleine Auftritte – die er mitunter zu großen macht. Wie am Ende von „Wenn die Welle kommt“.

Die französische Autorin Alice Zeniter hat ein Stück geschrieben für zwei Menschen und einen Paarhufer. Die längste Zeit bleiben die Menschen unter sich – und geraten in Streit darüber, ob das so bleiben soll.

Letizia und Mateo – gespielt von Marina Frenk und Florian Steffens – leben auf einer Insel. Vom Klimawandel und dem Ansteigen des Meeresspiegels sehen sie sich akut bedroht. Also ziehen sie sich auf die Spitze eines Berges zurück. Ihnen ist klar, dass andere auch auf diese Idee kommen werden, über kurz oder lang. Tiere – vielleicht, so Mateo, lernen sie sogar den aufrechten Gang, um den Kopf über Wasser halten zu können –, und Menschen. Wie viele sollen sie aufnehmen in ihr Refugium und wen?

Zwischen den beiden entspinnt sich, indem sie diese Zukunft schon einmal probehalber durchspielen, ein absurder Streit, in dem Humanismus, Pragmatismus und Zynismus aufeinanderprallen. Alice Zeniter und die Regisseurin Anouschka Trocker lassen „Wenn die Welle kommt“ abdriften, ins Fantastische, Faunische. Wo keine Absurdität infrage gestellt wird als irreal.

Mit der Zeit stellt sich eine irritierende Gewissheit ein: Die Debatte, die die beiden führen, mag noch so menschenverachtend erscheinen. Doch wenn es wirklich so weit kommen sollte, wird es derart zivilisiert garantiert nicht zugehen.

 

Mafiamethoden

Hörspiel: Kesseltreiben
NDR Info, 4. April 2020, 21 Uhr. Teil 2 am 11. April.
In der ARD-Audiothek: Kesseltreiben

Bis zur Kenntlichkeit verfremdet ist dieser Wirtschaftskrimi von Dominique Manotti, den Ulrich Lampen nun als Hörspiel-Zweiteiler inszeniert hat. Der französische Konzern Alstom heißt hier Orstam, und die amerikanische Firma General Electric wird auch nicht nennenswert umbenannt. Gerade so viel eben, dass es keine juristische Handhabe gibt gegen Manottis Erzählung von Korruption und Skrupellosigkeit, Verruchtheit und Zynismus.

Denn die Geschichte ist fiktiv und doch eng an die Realität angelehnt: In den Jahren 2013 bis 2015 wurde eine Übernahme eingefädelt, das amerikanische Unternehmen kaufte die Energiesparte des französischen Konkurrenten unter dubiosen Umständen. Wirtschaft, Politik, Geheimdienste und die Mafia sind in „Kesseltreiben“ auf eine Weise ineinander verstrickt, die einen hoffen lässt, dass es sich eben doch um eine Fiktion handelt. Um eine Zuspitzung.

Eine solche ist „Kesseltreiben“ tatsächlich – jedoch nur in der zeitlichen Verdichtung. Lampen inszeniert Ergebnisse, Aktion und Reaktion. Am Beginn des Hörspiels wird ein Dominostein umgestoßen, danach läuft über die beiden jeweils 55-minütigen Teile eine Maschinerie ab. Die Stück für Stück einen Vorhang aufzieht. Und den Blick freigibt auf eine Konzernwelt, in der Morde und Erpressungen als Mittel akzeptiert scheinen.

Das ist in seiner Geradlinigkeit bestechend.

 

Aus der Bahn

Hörspiel: Entscheidungen
Bayern 2, 3. April, 21.05 Uhr.
In der Audiothek des BR: Entscheidungen

Läuft doch. Na ja, nicht ganz. Nicht wirklich rund. Man könnte schon einmal … vielleicht dieses probieren. Jenes tun. Man sollte sogar. Müsste eventuell. Oder nicht?

Sie sind sich nicht schlüssig, die beiden Frauen und die beiden Männer in Mercedes Lauensteins Hörspiel-Debüt „Entscheidungen“. Sie entstammen verschiedenen Generationen, sind in ihren Zwanzigern, Dreißigern, Fünfzigern, Sechzigern. Jedes dieser vier Leben verläuft in einer Bahn. Aber ist es die richtige? Hat jeder den richtigen Partner, Job, Freundeskreis? Und wohin führt dieser Weg? Was sich heute noch gut anfühlt, kann schließlich morgen schon falsch sein.

Die unendlich vielen Möglichkeiten, sich zu entscheiden, erscheinen in diesem Stück nicht als große Freiheit, sondern rufen Blockaden hervor. Nicht nur bei denen, die zum ersten Mal vor einer Wahl stehen, in der Ausbildung oder im Beruf, in der Liebe. Sondern auch bei jenen, die bereits etliche Weichen gestellt haben.

Der Text ist eine Herausforderung fürs Radio, für die Regisseurin Stefanie Ramb und für die Schauspieler*innen Pola O’Mara, Krista Posch, Camill Jammal und Martin Umbach. Eine Dreiviertelstunde Unentschlossenheit, eine Dreiviertelstunde ohne eine Festlegung. Das gibt es auch in den Stücken Anton Tschechows. Aber da sind die Figuren entweder großspurig oder larmoyant oder beides. Haben kühne Pläne, nur nicht die Kraft, sie umzusetzen. Lauenstein gesteht ihrem Figuren-Quartett solche Exaltiertheit nicht zu. Bei ihr tritt auf: Generation Wischi-Waschi, über alle Generationen hinweg.

Das mag eine richtige Beobachtung sein. Die Kunst aber ist es, dies so spannend zu gestalten, dass man den vier Figuren folgen mag in ihren leerdrehenden Überlegungen, die sie anfangs jede für sich anstellen und am Ende, bei einem Abendessen, voreinander ausbreiten. Ram

b und ihrem Ensemble gelingt es ziemlich gut, die Figuren glaubhaft fad zu gestalten, ohne die Inszenierung daran krepieren zu lassen. Bei dem Essen möchte man mit dem Quartett zu streiten beginnen. Die beiden Frauen und die beiden Männer sind einem offenkundig nicht egal.

 

Wilder Ritt

Hörspiel: Don Don Don Quijote – Attackéee
Deutschlandfunk, 2. März, 20.10 Uhr.
In der Audiothek des Deutschlandfunks: Don Don Don Quijote – Attackéee

Der Mann hat eine Wut wie nur selten jemand, der einem im Hörfunk begegnet. Just im Radio wähnt er sich am richtigen Ort: „Das ist die Qualität des Hörspiels: Hier kann man noch Dinge tun, die draußen niemanden mehr interessieren.“

Wobei: Eindruck würde es schon machen, wenn da einer auf seinem Pferd durch das reale Berlin galoppieren und damit den ganzen Autoverkehr in der Hauptstadt infrage stellen würde. Lauthals. Pöbelnd. Rücksichtslos.

Hans Block schickt in seinem Hörspiel „Don Don Don Quijote – Attackéee“ einen modernen Nachfahren des Ritters von der traurigen Gestalt los, um nicht gegen Windmühlen zu kämpfen, sondern gegen das Primat der Autofahrer. „Eine Großstadt nur mit Pferden, das geht doch nicht“, ruft eine Passantin dem Revolutionär zu. „Doch“, plärrt der zurück. „Und das ist erst der Anfang“. Die Warnung, die die Erzählerin gleich zu Beginn an die Hörer richtet, gilt auch den Figuren: Was folgt, werde übergriffig und folgenschwer.

Das Stück, 2014 produziert, hat einen Wutbürger zum Helden, als es den Begriff so noch gar nicht gab. Dieser berittene Widerständler ist auch gewiss kein AfD-Wähler. Dafür ist er viel zu freiheitsliebend, viel zu fortschrittlich. Auch wenn er sich an ein mittelalterliches Vorbild anlehnt und an ein vorindustrielles Ideal. Er denkt jedoch progressiv – so sehr, dass ihn seine Umwelt prompt für verrückt erklärt. Pferde! Wo sollten denn die ganze Pferde untergebracht werden?, versucht es einer mit Logik. Für ihre Autos habt ihr doch auch Platz, blafft der moderne Quijote zurück.

Er ist im Dauerkrawallmodus. Bald geht es nicht mehr nur um den Verkehr, bald geht es um einen Kampf gegen die Unterdrückung, gegen Gängelung und Ausbeutung. Die Welt müsse von „viel, viel Bösem befreit“ werden. Insofern: aufgesessen!

 

Fortgeblasen

Hörspiel: March Movie
RBB Kultur und MDR Kultur, 1. April, 22 Uhr.
Als Stream im Web: March Movie

Man darf ruhig Absicht unterstellen, und die zeugt von einer feinen Ironie: „March Movie“ läuft bei RBB Kultur und MDR Kultur auf dem gemeinsamen Feature-Sendeplatz am Mittwochabend – ist aber ein Hörspiel. Und zwar eines, welches ein Feature imitiert, besser: karikiert.

Von 1983 ist diese Satire auf Radiofeatures, ein früher Wurf von Michael Köhlmeier und Peter Klein, produziert vom ORF. Sie funktioniert immer noch, weil sie eine so zeitlose wie hanebüchene Geschichte mit der Seriosität des öffentlich-rechtlichen Kulturjournalismus präsentiert. Eine österreichische Schlawinerei, sehr präzise orchestriert von Köhlmeier und Klein, mit famosen Schauspielern, die ihren Figuren durch eine vermeintliche Beiläufigkeit des Sprechens große Wahrhaftigkeit verleihen. Da verstellt sich niemand, da ist jeder ganz bei sich – diesen Eindruck hat man von den Bewohnern dieser merkwürdigen Geschichte.

Sie dreht sich darum, dass 1968 vermeintlich eine Blaskapelle verschwunden ist in dem Städtchen Hohenems. Es vermisst jedoch niemand diese 34 Menschen, es forscht ihnen auch niemand nach. Nur der Bahnschrankenwärter des Ortes, Oskar Zambanini. Die anderen halten ihn für einen Spinner, damit hält keiner hinter dem Berg; nur seine Frau, die auch interviewt wird von dem Radioteam, das vermeintlich für eben dieses Feature recherchiert, hält auf eine rührende, unschuldige Art zu ihm. Nach vierzehn Jahren findet Zambanini die Blaskapelle tatsächlich – unter einem Stein auf dem Schlossberg, jeder einzelne Musiker ist auf eineinhalb Zentimeter Länge zusammengeschrumpft.

Fortan wird Zambanini angefeindet, es kommt zu mehreren Eklats in Hohenems. Und immer dabei: die wackeren Rechercheure, die Licht unter diesen Stein zu bringen versuchen. Sowie, als Soundtrack, ein wunderlich verwehter Marsch der Blaskapelle, der wie ein Hilferuf klingt, wie ein Wimmern, ein Röcheln.

Das alles ist von einem zarten, einem liebevollen Irrsinn. Man bemerkt die Präzision und nimmt sie doch als Leichtigkeit wahr. Und macht am Ende sogar seinen Frieden mit der Blasmusik.

 

Ökoerotik

Magazin: Nachstudio – Wildes Denken: Green Sex
Bayern 2, 31. März 2020, 20.05 Uhr.
 
„Wir treiben es wild“, verheißt die „Nachtstudio“-Redaktion des Bayerischen Rundfunks für diese Woche. Das „Nachtstudio“ ist eine der ältesten Sendungen im Hörfunkprogramm des BR und zugleich eine der frischesten, unkonventionellsten, experimentierfreudigsten. Der Platz für kluge Essays und mutige Gedankenspiele. Und, seit Martin Zeyn das „Nachtstudio“ leitet, am letzten Dienstag eines Monats auch der Platz für „Wildes Denken“ – dann gibt es keinen großen, ausgearbeiteten Essay, sondern viele Einwürfe zu einem Thema, verspielte und verspulte, komödiantische und krasse, anregende und anstößige. Im Wechsel wird „Wildes Denken“ von Joana Ortmann und Thomas Kretschmer moderiert. Oder präziser, wie es im Vorspann heißt: „moderiert und zugeritten“.

Nicht nur wild denken, sondern auch wild leben! Das ist der Appell der aktuellen Ausgabe, die es vorab noch nicht zu hören gibt, weshalb dieser Text eine Spekulation auf das zu Erwartende ist, basierend allerdings auf einer eingehenden „Nachtstudio“-Hörerfahrung. Über Green Producing wird bereits viel debattiert, nicht nur in der Industrie, sondern zunehmend auch im Kulturbetrieb. Bei Joana Ortmann wird es im „Nachtstudio“ nun privat, sie debattiert über „Green Sex“. Feministisch und auch in den Beiträgen von Männer garantiert nicht-toxisch. Erotik und Ökologie sollen zusammengedacht und zusammengebracht werden. Theodor Adorno wird eine Rolle spielen ebenso wie Donna Haraway. Das Versprechen der Sendung: Ein weites Feld von Polyamorie soll sich vor den Hörern ausbreiten.

 

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

Hörspiel: Baggergeddon
1Live, 30. März 2020, 23 Uhr.
Außerdem im Hörspielspeicher des WDR: Baggergeddon

Im deutschsprachigen Hörspiel gibt es zwei Spezialisten für Monster-Trash: Jörg Buttgereit und Thilo Gosejohann. Gosejohann ist derjenige mit dem größeren Hang zu Albernheiten. Es schönes Beispiel dafür ist sein neues Hörspiel „Baggergeddon“, es ist im gleichen Maße monströs, trashig, albern.

Das muss man mögen. Das kann man auch sehr gut mögen. Für Feinheiten ist in dieser Produktion kein Platz, weder inhaltlich noch dramaturgisch noch akustisch. „Baggergeddon“ ist laut und grob, Thilo Gosejohann fährt schweres Gerät auf: Rudi Zehgruber hat die Schnauze voll von der deutschen Politik und rückt deshalb dem Reichstag mit einem Braunkohlebagger zu Leibe.

Nun ist so ein Bagger nicht besonders handlich und reagiert auch Lenkbefehle eher behäbig. So fräst das Monstrum, das Zehgruber im Ruhrpott gekapert und frisiert hat, eine Schneise erst durch den Hambacher Forst und dann durch Dortmund, es schreddert schließlich eine Hühnerfarm, in der eigentlich Küken geschreddert werden sollen und nimmt allmählich Kurs auf die Bundeshauptstadt.

Im Hambacher Forst hat Zehgruber versehentlich – oder eher: billigend – eine Ökoaktivistin aufgegabelt, im wörtlichen Sinn, und mit ihr führt er notgedrungen fortan im Kleinen eine große Diskussion. Wes Geistes Kind er ist, wird schnell klar: Zwar versucht sich Rudi Zehgruber, den Hilmi Sözer als nicht einmal unsympathischen Sturschädel spielt, herauszureden damit, dass sein Hund nach seinem früheren Fußballtrainer Höcke heiße – später behauptet er, wegen seines Mathelehrers. Doch einst hörte der Hund auf den Namen Gysi; und  Namen sind eben doch mehr als Schall und Rauch. Der Mann hat diesen Staat satt, und nachdem sich in der politischen Linken die erhoffte Alternative für ihn nicht erfüllt hat, steuert er nun nach stramm rechts: Braunkohle-Tagebau, altes Arbeitermilieu, ein Endfünfziger, der sich nicht mehr gebraucht fühlt und das als Undankbarkeit auslegt. Seinem Chef, der Gesellschaft, der Regierung, den Medien.

Neben ihm im Führerhaus: Louisa Lundberg, eine Ökoaktivistin, ein bisschen naiv und mit einem Hang zur Hysterie – sie steht für den neuen Geist der Republik, für Nachhaltigkeit, Emanzipation und Altruismus, aufgekratzt gespielt von Daniela Galbo. Dass die beiden nun im selben Bagger sitzen, ist eine schöne Ironie. Ebenso, dass die Öffentlichkeit, die per Dauer-Live-Reportage (des)informiert wird, lange von einem vollkommen falschen Szenario ausgeht: Da macht einer halb Deutschland platt, und trotzdem kommt seine Botschaft nicht an.

Weil der Bagger nicht aufzuhalten ist und aber doch drei Tage bis Berlin braucht, sind Rudi und Louisa, die unter normalen Umständen keine fünf Minuten miteinander gestritten hätten, einander ausgeliefert. Was sie sich in der Zeit gegenseitig an den Kopf knallen, hat mitunter die Wucht eines 210 Meter langen Braunkohlebaggers.

 

Fehler des Lebens

Hörspiel: Die Verlassene
Deutschlandfunk Kultur, 29. März 2020, 18.30 Uhr.
Außerdem im Internetangebot des Senders: Die Verlassene

„Die Verlassene“ ist eine für Balzac’sche Verhältnisse schlichte Geschichte. Der Schriftsteller, dem keine charakterliche Deformation zu grotesk, keine Niedertracht zu boshaft war, um daraus nicht seine vielbändige Comédie humaine zu speisen, konzentriert sich in diesem Bändchen ganz auf zwei Personen von durchaus edlem Charakter: auf Madame de Beauséant und den um einige Jahre jüngeren Gaston de Nueil. Die Gräfin hat, noch keine dreißig Jahre alt, bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich, derweil er noch ein jugendlicher Schwärmer ist, als sie einander kennen – und lieben – lernen.

Von den vielen Intrigen, von der Missgunst, von der Blödigkeit und Eitelkeit etlicher Figuren in den drei Roman Honoré de Balzacs, die Deutschlandfunk Kultur zuvor als Hörspiele adaptiert hat – „Eugénie Grandet“ (2015), „Cousine Lisbeth“ (2017) und „Vater Goriot“ (2017) – ist in „Die Verlassene“ keine Rede. Es bedarf keiner gezielten Maßnahmen Einzelner, um die Liebe der beiden zu torpedieren. Balzac braucht stattdessen nur wenige Sätze, um den spießigen, moralinhaltigen Geist der Restitution durch seine Geschichte wehen zu lassen, jene Sittenstrenge, die dem Diktat eines fundamentalistischen Katholizismus folgte und viele der gesellschaftlichen Freiheiten, die in der Französischen Revolution erkämpft worden waren, wieder abgewürgt hat.

Madame de Beauséant und Gaston de Nueil können nicht heiraten, das lassen die finanzielle Situation und das gesellschaftliche Ansehen nicht zu. Drei glückliche Jahre verbringen sie am Genfer See, in der Schweiz, wo niemand sie kennt und niemand sie verurteilt für ihr Verhältnis. Doch Pflichten rufen ihn zurück in die Heimat, sie folgt ihm – auch das geht noch ein paar Jahre gut. Irgendwann jedoch steht für Gaston de Nueil eine Lebensentscheidung an, und er geht eine Vernunftehe ein.

Wie eine brennende Zündschnur läuft der Text auf ein verheerendes Finale zu. Höhepunkt ist ein Liebesbrief, den Madame de Beauséant an Gaston schreibt. Und den er missversteht als eine großherzige Geste von ihr, mit der sie ihn freigibt. Valery Tscheplanowa spielt diese als Liebes-Monolog inszenierte Niederschrift mit einer bewundernswerten Kraft, weil sie die Gräfin weder in Verzweiflung abkippen noch den Verdacht kühler Berechnung aufkommen lässt. Es ist die reine Liebe, die aus Madame de Beauséant spricht, die Vergeblichkeit ahnend. Die besondere Tragik liegt darin, dass Gaston de Nueil, liebenswürdig gespielt von Camill Jammal, sich nicht als kaltherziger Rüpel entpuppt. Sondern als ein Mann, der einen Fehler begangen hat, in den er sich von seiner Mutter und den Konventionen aus Schwäche hat drängen lassen. Einen Fehler, den er tief bereut. Aber nicht wieder gutmachen kann.

Der Balzac-Zyklus von Deutschlandfunk Kultur ist das Projekt der Hörspielredakteurin Stefanie Hoster, die nun in den Ruhestand geht und im abschließenden 90-minütigen Teil selbst die Regie übernommen hat. Es ist eine leise, behutsame Inszenierung, die ganz auf die Sprache baut und den Schauspieler*innen vertraut. Die auch den Mut hat zu langen Pausen, in die hinein Christian Zanési seine Kompositionen pflanzt – gänzlich undramatische Musik, die dennoch mit scheinbar einfachen Mitteln jenen Graben aushebt, über den hinweg die beiden Liebenden am Ende nicht mehr zueinander finden können.

 

Kassettenkinder

Hörspiel: Nicci & Vicci und das Karpatenkalb. Ein Fall für die 2 ii-Pünktchen-Detektive
HR 2, 28. März, 23 Uhr.
Außerdem in der Mediathek des HR: Nicci & Vicci und das Karpatenkalb

Wer in den 1980er-Jahren sozialisiert worden ist, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Kassettenkind gewesen. 1979 ist der Walkman auf den Markt gekommen und hat die zweite akustische Serien-Welle losgetreten. Die erste war die der Straßenfeger-Radiokrimis in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die dritte schwappt derzeit als Podcastboom übers Publikum. In der zweiten Welle drangen „Benjamin Blümchen“, „TKKG“, „Fünf Freunde“ und natürlich „Die drei ???“ über Kopfhörer in Millionen Kinderohren.

In den 1980ern ist auch die erste Generation herangewachsen, die ihre Jugend bis weit ins Erwachsenenleben hinein ausgedehnt hat. Der anhaltende Erfolg der „Drei ???“ ist dafür der beste Beleg: Auch als Fünfzigjährige kaufen sich die längst nicht mehr kindlichen Fans die neuen Hörspiel-Abenteuer von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews – drei Jugendliche, die in der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Rocky Beach altklug Kriminalfälle lösen.

Klaus Krückemeyer packt in seiner Hörspielgroteske „Nicci & Vicci und das Karpatenkalb“ nun alle Ohrwürmer aus dem Kassettenkrimi-Jahrzehnt zusammen: „Burg Schreckenstein“ und „Hexe Lilli“, dazu die prägenden Claims aus dem Werbefernsehen jener Jahre. Und der böse Geist, der über all dem wacht, ist natürlich der von Enid Blyton.

Eine anspielungsreiche Persiflage ist das, mal klug die Mittel benutzend, mal sich im Klamauk ergehend. Immer mittendrin: zwei Zwillingsmädchen am Beginn der Pubertät, die eine so oberschlau, dass sogar Justus Jonas einpacken kann. Die andere schwerer von Begriff als der gedankenträge Benjamin Blümchen. Ruhmsüchtig die eine, mannstoll die andere. Sie lösen einen Kriminalfall, den Krückemeyer so hanebüchen wie nur möglich konstruiert hat, mit etlichen Anleihen bei Arthur Conan Doyle und Edgar Wallace.

Das Tollste an dieser akustischen Gaunerei ist jedoch, dass dieser „Fall für die 2 ii-Pünktchen-Detektive“, so der Untertitel, die grundständige Bieder- und Spießigkeit der Vorlagen zertrümmert. Treulose Hauptfiguren, ein unverhohlenes Interesse an Sexualität einerseits und ein ausgeprägtes Desinteresse am Wohlergehen von Haustieren andererseits sind in den Kassettenabenteuern vollkommen undenkbar. Krückemeyer zelebriert indessen Untugend und Unmoral, dabei zwischen Schabernack und böser Satire changierend. Und von der Souveränität, ja Coolness der altgedienten Kinder-Detektive bleibt bei Nicci und Vicci nichts übrig. Stattdessen herrscht: blanke Hysterie.

 

Kampf um Anerkennung

Hörspiel: Hölderlin. Geschichte einer Abschiebung
Bayern 2, 27. März, 21.05 Uhr.
Außerdem in der Mediathek des BR: Hölderlin. Geschichte einer Abschiebung

Friedrich Hölderlin hat hellsichtige Verse geschrieben wie wenige andere Autoren. Und hat sich dennoch schwer damit getan, sich selbst und die Welt zu verstehen. Wer sich heute auf Hölderlin einlässt, dringt tief ein ins deutsche Gemüt – und begibt sich zugleich in die Gefahr, sich darin zu verheddern.

Der Regisseur und Komponist Klaus Buhlert hat auf der Basis der Briefe, die der Dichter an seine Mutter geschrieben hat, das Hörspiel „Hölderlin. Geschichte einer Abschiebung“ entwickelt. Es sind traurige Dokumente einer distanzierten Beziehung. Friedrich Hölderlin hat in sehr förmlichen Worten um die Anerkennung der Mutter gerungen, vor allem in seiner zweiten Lebenshälfte, die geprägt war von geistigen Umnachtungen. Die Mutter schrieb ähnlich steif zurück; immer wieder jedoch platzen in den Briefen die zurückgehaltenen Gefühle kurz hervor. Besucht hat sie ihren leidenden Sohn jedoch nicht. Hölderlin kam sich wie ein Abgeschobener vor.

Diese Geschichte ist weidlich erforscht; würde sich Buhlert darauf beschränken, wäre „Hölderlin. Geschichte einer Abschiebung“ formal ein kompositorisch klug rhythmisiertes Stück, inhaltlich aber kaum überraschend. Buhlert zieht jedoch eine weitere Ebene ein, indem er einen Rapper erfindet, der im Deutschtest für Zuwanderer Hölderlin als Prüfungsthema wählt und mit diesem Stoff um sein Bleiberecht kämpft. Ein Kniff, geschickt in das Stück gewoben, durch den Hölderlin und seine Sprache wieder fremd werden und neu zu entdecken sind aus unbefangener, naiver Warte. So gelingt die Vergegenwärtigung einer Lebens- und Identitätskrise, die durchaus als Resonanzboden taugt für die Gegenwart, wo sich Fragen der Zugehörigkeit zu einer Kultur und einer Gesellschaft ganz neu stellen.

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