CULT ist das Online-Magazin des Studiengangs Kulturkritik an der Theaterakademie August Everding

Oscar-Verleihung 2020

Die Kandidaten

Über die Oscars kann man trefflich streiten: Werden Frauen und Farbige systematisch ignoriert? Hat nicht dieser Schauspieler den Preis eher verdient als jener? Und warum geht der beste Film der Saison leer aus? Vor allem aber: Blenden die Oscars nicht wichtige Kategorien komplett aus? Ein paar Schlaglichter auf die stets Übersehenen.

Bester Stunt

Von Maresa Sedlmeir

Brad Pitt, dieser Tausendsassa. Den Golden Globe als bester Nebendarsteller hat er schon bekommen, bei den Oscars ist er auch nominiert. Und bei den Cult-Oscars kriegt er ebenfalls einen Goldjungen – für seine Stunts. In „Once Upon a Time in Hollywood“ spielt er einen Stuntman, dessen größter Trick darin besteht, ein Bier auf einem Dach möglichst schnell auszutrinken. Oder Bruce Lee zu verprügeln. Pitt spielt das Stuntdouble von Leonardo DiCaprio. In der Cult-Redaktion war man sich einig, dass man auch dem Stuntdouble des Stuntdoubles für seine herausragende Arbeit ehren möchte und vergibt deswegen den Curt, den Ehrenpreis der Redaktion.

Bestes Tier

Von Kevin Scheerschmidt

Hunde und Pferde haben eine lange Geschichte erfolgreicher Kinoauftritte. Sie sind die Filmstars unter den Tieren. Oftmals wird bemängelt, dass sie den anderen Tieren die Filmrollen wegnehmen würden. Dem für Menschen gebräuchlichen Begriff des Whitewashing stehen die tierfilmischen Begriffe Dogwashing oder Horsewashing gegenüber. Einzig Pinguine konnte diese Duopol zuletzt nachhaltig durchbrechen.

Doch im vergangenen Kinojahr machten auch andere, zumeist unterrepräsentierte Tierarten auf sich aufmerksam. So konnte in „Frozen II“ erneut Rentier Sven glänzen und bekam sogar einen kleinen Sprechanteil. Ein großer Fortschritt für die meist zu Statisten degradierten Tiere. Dass Sven den Award nicht bekommt, liegt vermutlich nur daran, dass er ein animiertes Tier ist. Aus ähnlichen Gründen wurde auch das rosafarbene, von Hitler gestohlene Kaninchen nicht nominiert. Die streitbare Kritik: Das Kaninchen sei ein Stofftier und gar nicht wirklich am Leben.

Wir vergeben den Award für die beste Tierperformance in diesem Jahr an eine unter- und fehlrepräsentierte Spezies: die Ratte. Zumeist als dreckiges und Krankheiten verbreitendes Tier dargestellt, hat die Ratte keinen guten Ruf. Doch im größten Film des letzten Jahres, „Avengers: Infinity War“, wurde ein kleines, unterschätztes Tier zum eigentlichen Helden.

Die Ereignisse, die letztlich zum Sturz des Supervillain Thanos führten, wurden eingeleitet von einer Ratte. Auch wenn es im Film so ausgesehen haben mag, als sei die kleine Ratte aus Versehen über das Steuerpult gelaufen und hätte Scott Lang aka Ant-Man so aus dem Quantenreich zurückgeholt, wusste sie eigentlich ganz genau, was sie tat. Der Stein war ins Rollen gebracht, an dessen Ende der Sieg über Thanos stand. Und alles nur Dank einer kleinen Ratte, ohne die es weder einen Film noch satte 2,8 Milliarden US-Dollar für Disney gegeben hätte. Ab sofort sollte sich jeder freuen, wenn es heißt: Wir haben eine Ratte im Team.

Bester harmloser Clown

Von Kevin Scheerschmidt

Das vergangene Kinojahr war erneut ein Jahr der Clowns. Doch welcher war der harmloseste? Da wäre einerseits der alle anderen Awards bestimmende Arthur Fleck aus „Joker”. Doch wie sich zeigte, führten seine Handlungen dazu, dass Bruce Waynes Eltern umgebracht wurden, was wiederum Jahre später dazu führen wird, dass er zu Batman wird, was wiederum zum Sturz des Jokers führen wird. Arthur Fleck aka Joker hat sich also den eigenen Untergang geschaffen. Ganz schön harmlos, aber nicht harmlos genug. Denn dieses Jahr bot noch deutlich mehr harmlose Clowns.

Wie im Vorgänger gab es auch in „Zombieland: Double Tap“ wieder einen Zombie-Clown. Im Vergleich zum Vorgänger wirkte dieser sehr harmlos. Im Halloween-Film „Haunt“ trugen die Bösen über ihren zugepiercten und volltätowierten Gesichtern harmlose Clownsmasken. In „Pokémon Detective Pikachu“ sorgte das Pantomine-Pokémon für eine ungefährliche und kaum bedrohliche Situation. Und Cultclown Captain Spaulding aus Rob Zombies neuestem Film „Three from Hell“ muss direkt zu Beginn dran glauben, bevor er Schaden anrichten kann.

Harmloser als alle diese Schoßpüppchen-Clowns war da nur einer. Ein Clown, der durch simples Mobbing besiegt werden kann, ist schon preisverdächtig harmlos: Der harmloseste Filmclown 2019 ist Pennywise aus „It Chapter Two“.

Bester trauriger Clown

Von Katinka Holupirek

Wie er da steht, das rote Hütchen schief auf dem Kopf, die Schminke verschmiert, geblendet vom hellen Scheinwerferlicht – sorry, Joaquin Phoenix, aber in dieser Kategorie kann es nur einen Gewinner geben. Von der ersten Sekunde an erobert der liebevoll animierte Elefant Dumbo die Zuschauerherzen, weshalb man am liebsten aufspringen und sich schützend vor ihn stellen möchte, wenn die fiesen Zirkusbesucher über seine großen Ohren lachen. Altmeister Tim Burton liefert mit seiner „Dumbo“-Adaption eine düster-nostalgische Märchenverfilmung, deren Storytelling einiges an Schwächen aufweisen mag. Doch die Fantastik und Opulenz seiner Bildsprache ermöglicht es, einem für unterhaltsame Auftritte in der Manege prädestinierten Dickhäuter eine sensible Zerbrechlichkeit zuteil werden zu lassen, die nicht von dieser Welt ist.

Bester Altersunterschied

Von Maresa Sedlmeir

Die coolen Kids in der Schule haben immer ältere Freunde. Das ist quasi das Naturgesetz der Coolness. Wenn man als Sechstklässler mit einem Neuntklässler eincheckt, hat man den Olymp der Coolness bestiegen und wird sich nie wieder Sorgen um die Beliebtheit machen müssen. Ehrfürchtig blicken die Klassenkameraden zu einem auf: Ein Neuntklässler! Wahnsinn! „Das perfekte Geheimnis“, ein sehr cooler Film, treibt dieses Altersunterschiedsbattle dann aber auf die Spitze. Es geht um vier Freunde, die angeblich ihre ganze Kindheit miteinander verbracht haben. Frederick Lau ist so cool, dass sein Kumpel Wotan Wilke-Möhring knackige 22 Jahre älter ist. (Wenn der ältere Freund dein Vater sein könnte, gibt’s Bonuspunkte!) Das sieht man den beiden aber natürlich nicht an. Mit viel Fantasie ist der eine ein Sechst- und der andere ein Neuntklässler

Beste Grillparty

Von Tobias Obermeier

Strahlend heller Sommertag, Gartenfeier, Ariengesang, ausgelassene Stimmung, Idylle. – Küchenmesser, Angstschreie, Blutorgie, Tod, Horror.

Der Regisseur Bong Joon-Ho entfacht am Höhepunkt seines Films „Parasite“ einen blutigen Wirbelsturm, der das Publikum ebenso eindringlich verstört wie unterhält. Der subtil schwelende Klassenkonflikt zwischen den Hausangestellten und ihrer großbürgerlichen Familie explodiert regelrecht während der beschaulichen Gartenfeier. Für Bong Joon-Ho ist das letzte Drittel des Films „eigentlich nur das Magma, das ständig kocht und gluckst, bis es diesen explosiven Moment erreicht.“ Die bourgeoise Welt ist nur so heil, wie es Menschen gibt, die für sie schuften müssen. Und der Fleischspieß bekommt bei der ganzen Angelegenheit eine ganz eigene Funktion. Definitiv die beste Grillparty im Film.

Beste Animation

Von Nina Mohs

CGI, Greenscreen oder Real-Live-Animation. 2019 zeigt die Animationstechnik, was sie in den letzten Jahren dazugewonnen hat. Seien es die Rekonstruktionen von bereits verstorbenen Schauspielern wie Carrie Fisher in der vergangenen „Star Wars“-Trilogie oder besonders detaillierte und natürliche Animationen von Tieren der afrikanischen Wüste in der Neuverfilmung von „König der Löwen“. Jedes Haar, jede Bewegung, jeder Gesichtszug, ob von einem Mensch oder Tier, werden mit größter Genauigkeit nachempfunden. Doch obwohl die Konkurrenz unter den Animationsfilmen groß ist, kann dieses Jahr nur eine technische Meisterleistung gewinnen: „The Irishman“ von Martin Scorsese. Mit seinem sogenannten De-Aging verpasst Scorsese Lieblingen wie Robert de Niro in dem Gangsterfilm eine kleine Verjüngungskur und animiert Falten, graue Haare, ja alle Zeichen des Alters mal eben weg. Wer braucht denn heute noch Schauspieler, die jüngere Versionen von anderen Schauspielern spielen? Nach Scorsese ist das jetzt alles passé. Dass Robert die Niro auf einmal aussieht wie eine glattgebügelte Comicfigur, ist nur eine kleine Nebenwirkung.

Bestes Attentat

Von Katinka Holupirek

Momentmal, ein Anschlag auf den König des britischen Empires konnte heldenhaft verhindert werden? Vom irischstämmigen, also eigentlich auf Krawall gegen die Aristokratie gebürsteten Schwiegersohn des Earl von Grantham? Wunderbar, aber nun zurück zur Parade zu Ehren des Königspaars – schließlich darf nichts und niemand ablenken, wenn der Hochadel zu Gast ist auf Downton Abbey. Die Beiläufigkeit, mit der der Serienschöpfer Julian Fellowes und der Regisseur Michael Engler diese historisch nicht belegbare Begebenheit im Kinofilm „Downtown Abbey“ zur erfolgreichen Fernsehserie als behäbige Actionszene inszenieren, ist an Nonchalance beinahe nicht zu überbieten. Und dem erfolgreichen Helden und Lagerwechsler bleibt nichts anderes übrig, als sich still und heimlich selbst auf die Schulter zu klopfen.

Bestes Plakat

Von Nina Mohs

Brooklyn, New York. Eine Gestalt in rotem Anzug steht gekrümmt auf einer langen Treppe zwischen zwei Hauswänden. Das Gesicht ist von verschmiertem Clowns-Make-Up verdeckt, die grünen Haare hängen nass über den Schultern. Ihre Arme hat die Gestalt weit ausgestreckt, Kopf und Rücken sind nach hinten gebeugt, als würde sie tanzen. Diese Gestalt ist der wohl bekannteste Bösewicht von Gotham City, der Erzfeind von Batman – der Joker. Und genau dieser Figur widmet Regisseur Todd Phillips einen ganz eigenen Film, in dem er der gebrochenen Persönlichkeit und seiner Entwicklung zum Bösewicht auf den Grund geht. Die Tanzszene auf den Treppen, das Motiv des Filmplakats, zeigt dabei das Resultat dieser Entwicklung vom psychisch kranken Arthur Fleck zum Joker. Kein anderes Bild fängt diese Figur besser ein, als der tanzende, als Clown verkleidete Joker, der an der Spitze der dreckigen Straßen von Brooklyn, seinem zu Hause und seinem Reich, in einem viel zu bunten Anzug über seine Taten hinwegtanzt. Und genau wegen dieser klaren Figurenzeichnung auf einem einzigen Bild gelingt „Joker“ das beste Filmplakat.

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