CULT ist das Online-Magazin des Studiengangs Kulturkritik an der Theaterakademie August Everding

„The Dead don’t die“

Der Marsch der ewig Ekligen

Jim Jarmusch macht auch endlich Zombies. In „The Dead don’t die“ tritt die Untoten-Armee seiner Lieblings-Darsteller auf: Bill Murray, Tom Waits, Iggy Pop, Tilda Swinton, Steve Buscemi und Adam Driver. Außerdem ist Selena Gomez diesmal dabei. Fünf Perspektiven auf einen disparaten Film.

 

Von Carolin Werthmann

 

Noch bevor der erste Tote seinem Grab entsteigt, bevor sich die knorrige Hand aus dem modrigen Boden räkelt, ihren Weg an die Luft bahnt, ist klar: Die Toten sterben nicht. Nicht in dieser Stadt. Hier frönen allein die Bewohner einem derart apathischen Dasein, dass ihr Anblick genügt, um zu zeigen: die hier sterben nicht, können es gar nicht, denn sie sind bereits jeglichen Lebens entleert. Zwischen einem der Monotonie verfallenen Cop mit Wohlstandsplauze und den träge durch Innereien wühlenden Untoten liegt kein Unterschied mehr. Jim Jarmuschs „The Dead don’t die“ ist ein lakonisches Zombiedesaster, und der Regisseur hatte offenbar großen Spaß daran, ein solches zu inszenieren: Es ist die Spielwiese, auf der sich der Regisseur endlich in Kunstblutfontänen suhlen konnte wie die Zombies in Gedärmen auf dem blankpolierten Dinerboden.

Die Polizisten Cliff Robertson und Ronnie Peterson wundern sich, warum es an diesem Abend in der Kleinstadt Centerville einfach nicht dunkel werden will, und lungern im Wald auf der Suche nach einem Wildling, der Hühnchen häutet und isst und der sich bald als ominöser Erzähler dieser Geschichte herausstellen wird. Und die Geschichte ist schnell erzählt. Robertson und Peterson schludern Countrysongs hörend durch die fünf Straßen der Stadt. Drei Jugendliche in bester Horrorfilm-Hülse – Schönling, vollbusige Latina (ausgerechnet Selena Gomez) und ein hoffnungslos ihr verfallenes drittes Rad am Wagen – suchen Unterschlupf in der einzigen Unterkunft der Stadt, dem Moonlight Motel, und ein schmächtiger Bebrillter mit fettigen Locken, den man ohne schlechtes Gewissen als Nerd bezeichnen kann, schmeißt einen Krimskramsladen mit Wasserpistolen und – Zufall! – allerlei Zombie-Kitsch und Spielzeugwaffen. Centerville könnte ja eines Tages von einer Apokalypse befallen werden – was dann auch geschieht.

Der schlurfenden Horde Untoter voran schreitet kein anderer als Punkrocker Iggy Pop, den man auch dann gut erkennen würde, wenn er kein zermatschtes Gesicht, keine aus ihrer Höhle vorquellenden Augen hätte, und allein das trieft derart von Ironie, dass man nicht umhin kommt, diesen Film vor allem mit belustigter Distanz zu sehen.

Es beginnt ein stumpfsinniger Kampf zwischen Bewohnern und Zombies. Als wäre es eine olympische Disziplin, schlägt Peterson ihnen die Köpfe ab, bis nur noch Staub statt Blut aus ihnen pufft. Bill Murray und Adam Driver spielen ihre Rollen mit solch überbordendem Stoizismus, dass auch hier schwer fällt, das nicht lustig zu finden. Sie könnten nicht unberührter dreinblicken, als Kollegin Mindy Morrison von ihrer zombifizierten Granny zerfleischt wird. Und nichts könnte belangloser für sie sein als die Vorstellung des eigenen Todes, weshalb sie ohne Reue ihre Gedärme zerfressen lassen. Angst ihrerseits ist hier unnötig, denn wer bereits tot ist, kann eben nicht mehr sterben.

Jarmuschs Filme waren bislang immer von Melancholie dominierte Zeitbilder, mit Charakteren wie Paterson aus dem gleichnamigen Film, der – auch hier gespielt von Adam Driver – wie ein Irrlicht im nichtigen Kleinod umhertrottet, in seiner bescheidenen Alltagsroutine versinkt und nicht so recht weiß, ob er das jetzt gut finden soll oder frustrierend. Für Adam und Eve, die Vampire in „Only Lovers Left alive“, bedeutet ihr unendliches, unsterbliches Leben keinerlei Spannung mehr, keinerlei Ausbruch aus dem Alltäglichen. Und nun also Zombies, die mit ihrem ziellosen Umherwandern unter einem sonderbar exzessiv verkratertem Vollmond von der vampiresken Melancholie gar nicht so weit entfernt sind. Gut? Eher frustrierend.

Denn diese Zombies tun, was alle Zombies tun, in „Walking Dead“-Manier wandeln sie durch Centerville, als ebenjene feucht-keuchende Kadaver, zu denen die Popkultur sie gemacht hat, sie sind die ewig Ekligen und Bösen, lechzend nach den Eingeweiden der Noch-Lebenden. Sie müssen wie in Genre-Filmen vor ihnen herhalten als inzwischen ausgeleiertes Sinnbild für den Pessimismus der Menschheit, für die Angst vor Kapitalismus, Globalisierung, Epidemien. Ermüdend! Auch bei Jarmusch klingt ein möglicher Erklärungsversuch für die Invasion an. Im Diner flimmern Nachrichten über Fracking über den TV-Bildschirm, jene umstrittene Methode, um Erdgas und Erdöl aus Lagerstätten unter tiefliegenden Gesteinsschichten zu bohren. Löcher in der Erde, die den Zombies den Weg an die Oberfläche bereiten? Ein weißer Amerikaner mit rotem Basecap und dem Schriftzug „Make America white again“ sitzt davon unbeeindruckt an der Theke. Klimawandel? Umweltzerstörung? Alles, was ihn interessiert, ist sein Kaffee, und den findet er zum Kotzen („zu schwarz“). Neben ihm ein Schwarzer.

Jarmusch überreizt den Zombie-Kult und bricht immer wieder das Grauen, indem er seine Wesen dümmlich nach Chardonnay verlangen und Adam Driver mit quietschenden Reifen im feuerwehrroten Smart zum Tatort anbrausen lässt, indem er Tilda Swinton in eine schottische Säbelikone verwandelt, sie zu einem Zombie-Guru macht, die mit Toten spielt wie mit Puppen, die ihren Masochismus am leidenschaftslosen Killen ergötzt und schließlich von einem schlecht animierten Ufo absorbiert wird und in den Himmel hinaufsteigt, vielleicht Göttin, vielleicht Außerirdische – ihre Rolle bleibt so blass wie ihre Porzellanhaut.

Zombies, erklärt uns der Wildling im Off, der Erzähler der Geschichte, sind „the aimless misery of the mortals“, die Überbleibsel der Menschen, wenn die Menschen nicht mehr sind oder sich selbst ausgerottet haben. Eine vermeintlich poetische Erkenntnis, aber nicht neu. Es ist an der Zeit, den Zombies ein Upgrade zu verpassen, das mehr ist als ihre bloße Überhöhung zur Groteske.

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